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Robert Marc Lehmann | Quelle: Getty Images
Robert Marc Lehmann | Quelle: Getty Images

„Er wusste, dass ich da bin”: Der Walflüsterer Robert Marc Lehmann leitete eine dramatische Rettung eines Buckelwals

Edita Mesic
27. März 2026
16:34

Die Rettung eines gestrandeten Wals ist selten nur eine technische Herausforderung – sie ist immer auch ein emotionaler Ausnahmezustand für alle Beteiligten. Vor der Küste von Timmendorfer Strand wurde genau das in diesen Tagen sichtbar, als ein junger Buckelwal auf einer Sandbank festsaß und um sein Überleben kämpfte.

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Seit Montag lag das etwa zehn Meter lange Tier im flachen Wasser vor Niendorf, einem Ortsteil von Timmendorfer Strand. Immer wieder waren seine tiefen, brummenden Laute über Hunderte Meter hinweg zu hören – ein Zeichen dafür, dass der Wal unter enormem Stress stand und Hilfe brauchte.

Buckelwal | Quelle: Getty Images

Buckelwal | Quelle: Getty Images

Zahlreiche Einsatzkräfte arbeiteten über Tage hinweg daran, den Meeressäuger zu retten. Mit schwerem Gerät, darunter Bagger und ein Saugbagger, sollte eine Fahrrinne geschaffen werden, durch die der Wal zurück ins tiefere Wasser gelangen konnte. Doch jede Bewegung, jeder Lärm bedeutete zusätzlichen Stress für das geschwächte Tier.

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Eine besondere Rolle übernahm dabei der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann. Seine Aufgabe war es, während der gesamten Rettungsaktion direkt beim Wal zu bleiben, ihn zu beruhigen und sein Verhalten einzuschätzen. „Es ist superwichtig, mit so einem Wal zu reden, ihn anzufassen.” Der Wal reagiert auf die Beruhigungsversuche: „Er wusste, dass ich da bin.”

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Lehmann schwamm immer wieder um das Tier herum, berührte es vorsichtig und sprach mit ihm. Für ihn ist klar, dass auch ein Wal emotionale Zustände zeigt, die man ernst nehmen muss. „Du merkst, er hat Angst. Er ist unsicher, er fühlt sich schlecht”, erklärte er die Situation vor Ort.

Gleichzeitig arbeiteten die Einsatzkräfte unter Hochdruck daran, die Sandbank abzutragen. Doch der Einsatz von Maschinen konnte nur funktionieren, wenn der Wal ruhig blieb. Genau hier wurde die Arbeit des sogenannten „Walflüsterers” entscheidend.

„Mittlerweile vertraut mir der Wal”, sagte Lehmann. „Der wird ganz ruhig, wenn man die Hand auflegt.” Nur so konnten die Bagger überhaupt in unmittelbarer Nähe arbeiten, ohne das Tier in Panik zu versetzen. „Weil er sonst, wenn man nicht da ist, dann super nervös wird.”

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Auch körperlich versuchte Lehmann, das Tier zu unterstützen. „Ich hab' ihn gedrückt in die richtige Richtung.” Selbst bei einem Tier von 15 bis 20 Tonnen sei das möglich, erklärte er: „Der reagiert ja auf Druck.”

Die Situation bewegte nicht nur die Einsatzkräfte, sondern auch zahlreiche Schaulustige, die sich an der Absperrung versammelten. Viele zeigten Mitgefühl, auch wenn ihre Anwesenheit die Rettung erschwerte. „Es ist schon traurig für das Tier. Man will gar nicht so schaulustig sein“, sagte eine Spaziergängerin aus Niendorf.

Ein anderer Besucher brachte die Stimmung ebenfalls auf den Punkt: „Der arme Kerl. Ich hoffe, er kann noch gerettet werden.“ Viele hatten gehofft, dass die Flut den Wal in der Nacht von selbst befreien würde. „Wir hatten gehofft, dass er mit der ansteigenden Flut in der Nacht wieder freikommt, aber das hat nicht funktioniert.“

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Tatsächlich waren erste Rettungsversuche erfolglos geblieben. Das Wasser war zu flach, um dem Tier genügend Auftrieb zu geben, gleichzeitig aber zu tief für alternative Maßnahmen. Experten betonten zudem, dass eine Tötung des Wals keine Option sei – auch, weil es keine verlässliche Methode gebe, ein so großes Tier ohne weiteres Leiden einzuschläfern. „Weil er hat tatsächlich wirklich Bock, und die Motivation ist da“, sagt er.

Der Gesundheitszustand des Wals blieb dabei ein kritischer Faktor. „Der Gesundheitszustand des Wals ist besorgniserregend, sowohl seine Haut als auch den Allgemeinzustand betreffend.“ Je länger das Tier auf der Sandbank lag, desto schwächer wurde es.

Für Robert Marc Lehmann war der Einsatz auch emotional kaum auszuhalten. „Ich versuche, mich ganz doll zusammenzureißen, weil eigentlich möchte ich hier stehen und dass mir die Tränen kullern“, gab er offen zu.

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Nach vier Tagen intensiver Arbeit gelang schließlich ein erster Durchbruch: Der Wal konnte sich aus eigener Kraft von der Sandbank lösen. Doch für Lehmann ist klar, dass dies noch nicht das Ende ist. „Das ist nicht die Rettung, das ist nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.”

Denn wirklich gerettet ist das Tier erst, wenn es wieder sicher in die Nordsee und von dort in den Atlantik zurückfindet. Ob ihm das gelingt, bleibt weiterhin ungewiss.

Trotz aller Unsicherheiten zeigt diese Rettungsaktion vor allem eines: Wie eng Technik, Wissen und Empathie zusammenwirken müssen, um einem Tier in einer solchen Extremsituation zu helfen. Und wie wichtig Menschen sind, die bereit sind, nicht nur zu handeln, sondern auch zu verstehen.

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