
„Ich will noch nicht sterben“: Rita Süssmuth, ehemalige Bundestagspräsidentin, stirbt im Alter von 88 Jahren
Sie war nie die Frau für den leisen Abgang. Auch dann nicht, als die Kräfte nachließen und sie öffentlich über ihre Krankheit sprach. Eine Politikerin, die sich über Jahrzehnte gegen Widerstände stellte, Debatten prägte und Themen vorantrieb, die in ihrer Partei nicht immer willkommen waren.
Nun ist Rita Süssmuth tot. Die CDU-Politikerin starb im Alter von 88 Jahren, wie der Deutscher Bundestag mitteilte; auch aus der CDU wurde der Tod bestätigt. Süssmuth gehörte dem Bundestag von 1987 bis 2002 an und war von 1988 bis 1998 dessen Präsidentin – als zweite Frau in diesem Amt.

16. Juni 2025, Berlin: Rita Süssmuth (CDU), ehemalige Präsidentin des Bundestages, steht vor dem Reichstag. | Quelle: Getty Images
„Ich will noch nicht sterben“ – dieser Satz blieb hängen, weil er mehr war als Trotz. Er passte zu einer Politikerin, die sich über Jahrzehnte gegen Widerstände stellte. Ihre Meinungen - nicht bei der Partei immer willkommen.
Die Reaktionen aus dem politischen Berlin fallen entsprechend deutlich aus. Bundeskanzler Friedrich Merz würdigte Süssmuth als „große Politikerin“ und „Leitstern für unser demokratisches Gemeinwesen“. Wörtlich sagte er:
„Wir trauern um Rita Süssmuth, eine große Politikerin und ein Leitstern für unser demokratisches Gemeinwesen. Rita Süssmuth hat sich lebenslang für Deutschland engagiert.“

Rita Suessmuth am zweiten Tag der Yes!Con Cancer Convention auf dem EUREF-Campus 17 am 10. Mai 2025 in Berlin, Deutschland. | Quelle: Getty Images
Sie sei Vorkämpferin gewesen, nicht zuletzt für Gleichberechtigung und die politische Wirkkraft von Frauen. Merz ergänzte: „Für eine moderne und offene Gesellschaft hat sie beispielhaft gekämpft und Maßstäbe für Toleranz und Weltoffenheit gesetzt. Dieses Land verdankt ihr viel.“
Auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nannte Süssmuth „eine der bedeutendsten Politikerinnen der Bundesrepublik“ und hob ihren Elan und ihre Beharrlichkeit hervor. Frank-Walter Steinmeier würdigte sie als „leidenschaftliche Kämpferin für die Demokratie“ und als Vorbild – besonders auch für viele Frauen. SPD-Chef Lars Klingbeil betonte, sie sei „über alle Parteigrenzen hinweg“ ein Vorbild gewesen.

13. November 2024, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Rita Süssmuth (CDU), ehemalige Politikerin, Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit und Präsidentin des Deutschen Bundestages, bei der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille 2024. | Quelle: Getty Images
Süssmuth kam vergleichsweise spät in die aktive Politik: Anfang der 1980er-Jahre trat die Professorin für Erziehungswissenschaft mit 44 Jahren in die CDU ein. 1985 wurde sie im Kabinett von CDU-Kanzler Helmut Kohl Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit – später wurde das Ressort um den Bereich Frauen erweitert. Schon damals setzte sie eigene Akzente: liberal in Fragen der Frauenpolitik, streitbar im Ton, und in der Aids-Politik ihrer Zeit voraus. Sie kämpfte gegen Ausgrenzung von Betroffenen und war langjährig Ehrenvorsitzende der Deutsche AIDS-Stiftung.
Dass sie sich mit ihrer Haltung nicht nur Freunde machte, gehörte zu ihrer politischen Biografie. Später verlor sie in der CDU an Rückhalt – besonders als sie 2000 unter der rot-grünen Bundesregierung von Gerhard Schröder den Vorsitz der nach ihr benannten Zuwanderungskommission übernahm, der sogenannten Süssmuth-Kommission. Ideen daraus, so wird rückblickend oft gesagt, hätten Deutschland später helfen können, wurden jedoch nie vollständig umgesetzt.

Rita Süssmuth, Mitglied der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (CDU) und ehemalige Präsidentin des Bundestages, nimmt am 6. Mai 2024 am ersten Tag des CDU-Parteitags im Estrel Berlin Hotel in Berlin teil. | Quelle: Getty Images
Privat und gesundheitlich blieb sie bis zuletzt eine Kämpferin. In einem Interview über ihre Krebserkrankung sagte sie: „Es geht mir nicht gut. Aber ich denke positiv und lasse mich nicht unterkriegen.“ Und sie betonte: „Ich sitze nicht herum und warte auf den Tod.“ Besonders eindringlich klang ihr Satz:
„Aber ich weiß nicht, was der liebe Gott noch mit mir vorhat. Klar ist: Ich will noch nicht sterben.“
Denn sie habe noch viel vor: „Ich möchte dazu beitragen, dass es unserer Gesellschaft besser geht. Dafür gebe ich alles.“

Rita Süssmuth während der Veranstaltung „Frauen100 X Politics” im Telegraphenamt am 29. November 2023 in Berlin, Deutschland | Quelle: Getty Images
Mit Rita Süssmuth verliert Deutschland eine Politikerin, die Widerspruch nicht scheute und Fortschritt nicht als Modewort verstand, sondern als Auftrag. Ihr Vermächtnis ist weniger ein einzelnes Gesetz als eine Haltung: beharrlich, menschenzugewandt – und im entscheidenden Moment mutig.
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