
Frau in Ratzeburger Supermarkt getötet – was geschah in Ratzeburg?

An einem Mittwochnachmittag stellt eine 48-Jährige ihr Auto vor dem Discounter ab und geht einkaufen – so wie an vielen Tagen zuvor. Sie kommt nicht zurück. Was sich in dem Supermarkt in Ratzeburg abspielte, erschüttert eine ganze Stadt. Und am Ende steht eine Erkenntnis, die den Fall noch verstörender macht.
Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt steht noch immer ihr Wagen. Ein silberner Kleinwagen, ordentlich abgestellt, die Parkscheibe hinter der Windschutzscheibe sorgfältig auf halb vier gedreht. Auf dem Rücksitz leuchten gelbe Chrysanthemen, daneben eine Einkaufstasche, dazwischen die kleinen, persönlichen Dinge eines ganz normalen Alltags. Es sieht aus, als müsste die Besitzerin nur noch einmal um die Ecke kommen, die Tür öffnen und losfahren. Doch Frauke P. wird nie wieder in dieses Auto steigen.

Polizei | Quelle: Getty Images
Die 48-Jährige aus dem Kreis Herzogtum Lauenburg ist tot. Getötet an einem gewöhnlichen Nachmittag, an einem Ort, an dem sich Menschen sicher fühlen: im Discounter um die Ecke, zwischen Regalen voller Angebote, mitten unter anderen Kundinnen und Kunden. Was an diesem Mittwoch in dem Lidl-Markt an der Bahnhofsallee in Ratzeburg geschah, lässt eine ganze Region fassungslos zurück – und wirft eine Frage auf, auf die es lange keine Antwort zu geben scheint: Warum?

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Ein Leben mit Tieren
Wer Frauke P. kannte, beschreibt eine Frau, die ihr Herz an die Tiere verloren hatte. Sie war leidenschaftliche Reiterin, sie hielt Hasen, sie kümmerte sich um alles, was ihr an Lebewesen anvertraut war. In ihrem Dorf war sie dafür bekannt. Früher, so erzählen es Weggefährten, arbeitete sie als Arzthelferin. In den letzten Jahren aber galt ihre Aufmerksamkeit vor allem den Tieren, dem Stall, dem Reiten.
Menschen, die sie vom Reiten kannten, zeichnen das Bild einer eher zurückgezogenen, in sich gekehrten Frau. Jemand, der gut mit Tieren konnte und lieber für sich blieb. Keine, die im Mittelpunkt stand, keine, die Streit suchte. Genau das macht das Unfassbare noch unfassbarer: dass ausgerechnet sie, die niemandem etwas zuleide tat, zum Opfer einer solchen Tat werden konnte.
Noch wenige Tage zuvor hatte das Leben von Frauke P. ganz friedlich ausgesehen. Erst kürzlich war sie aus dem Sommerurlaub zurückgekehrt, von Gran Canaria, wo sie unbeschwerte Tage in der Sonne verbracht hatte. In den sozialen Netzwerken hatte sie noch Bilder von Meer und Insel geteilt – Aufnahmen eines ruhigen, glücklichen Sommers. Zurück in der Heimat nahm sie ihren Alltag wieder auf, versorgte ihre Tiere, erledigte ihre Einkäufe. Der Sommer war kaum vorbei, als ihr Leben endete.
Ein ganz gewöhnlicher Nachmittag
Der Mittwoch begann für die 48-Jährige unspektakulär. Sie war unterwegs, um einzukaufen. An einem ersten Ort besorgte sie Blumen und Lebensmittel – daher die Chrysanthemen auf dem Rücksitz. Anschließend fuhr sie weiter zum Lidl-Markt an der Bahnhofsallee, unweit des Ratzeburger Bahnhofs.
Es war offenbar Gewohnheit. Ein Freund berichtet, dass Frauke P. häufig schon am Mittwoch bei dem Discounter vorbeischaute, um sich die Aktionsware zu sichern, die dort donnerstags in die Regale kam. Wer die guten Angebote nicht verpassen wollte, war früh dran – und sie war früh dran. Ein kleiner, alltäglicher Kniff, wie ihn viele Menschen kennen. Ein Grund, an einem Mittwochnachmittag noch einmal loszufahren.
Gegen 15.35 Uhr betrat sie den Markt. Rund zwei Dutzend andere Kundinnen und Kunden sollen sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls im Laden aufgehalten haben, ein ganz normaler Betrieb an einem ganz normalen Tag. Frauke P. ging zwischen die Regale, so wie unzählige Male zuvor. Sie ahnte nicht, dass ihr letzter Einkauf bereits begonnen hatte.
Sekunden, die alles verändern
Was dann geschah, spielte sich in wenigen Augenblicken ab. Ein Mann griff die Frau plötzlich an – mit einem Messer. Nach Informationen aus Ermittlerkreisen handelte es sich um ein Jagdmesser. Der Angreifer, ein 44 Jahre alter Deutscher, stach mehrfach auf sie ein und fügte ihr schwere Stich- und Schnittverletzungen zu.
Für die anderen Menschen im Laden muss es ein Moment blanken Entsetzens gewesen sein: der Alltag im Supermarkt, unterbrochen von einer Gewalt, die niemand kommen sah. Doch nicht alle erstarrten. Mehrere Zeugen griffen ein. Nach Darstellung der Polizei hielten drei Personen den Angreifer fest; nach weiteren Schilderungen waren es Bauarbeiter, die in der Nähe waren und mit Flaschen auf den Mann losgingen, um ihn zu stoppen.
Sie brachten ihn zu Boden und hielten ihn bis zum Eintreffen der Polizei fest. Der Mann wehrte sich – und verletzte sich dabei mit dem eigenen Messer schwer. „Dabei hat der Tatverdächtige sich selber mit dem mitgeführten Messer schwerst verletzt“, teilte ein Polizeisprecher später mit. Der 44-Jährige wurde in das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) nach Lübeck gebracht.

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Das Eingreifen der Zeugen war alles andere als selbstverständlich. Wer sich einem bewaffneten Angreifer in den Weg stellt, riskiert das eigene Leben – und dennoch handelten sie, ohne zu zögern. Ihr couragiertes Vorgehen verhinderte womöglich Schlimmeres, denn im Markt hielten sich zu diesem Zeitpunkt zahlreiche weitere Menschen auf. Dass es den Helfern gelang, den Mann zu entwaffnen und festzuhalten, bewahrte andere Kundinnen und Kunden vor einer möglichen weiteren Eskalation. Für die getötete Frau jedoch änderte auch der schnelle Einsatz nichts mehr.
Für Frauke P. kam jede Hilfe zu spät. Die 48-Jährige erlag ihren lebensgefährlichen Verletzungen noch am Tatort. So schnell die mutigen Zeugen auch handelten – für die Frau zwischen den Regalen war es bereits zu spät.
Großeinsatz in der Kleinstadt
Ratzeburg, die beschauliche Inselstadt südlich von Lübeck, erlebte an diesem Nachmittag einen Ausnahmezustand. Der Bereich rund um den Tatort in der Nähe des Bahnhofs wurde weiträumig abgesperrt. Rettungskräfte, Streifenwagen, Kriminaltechnik – ein Großaufgebot rückte an. Bis in den Abend hinein waren Beamte der Spurensicherung und der Mordkommission im Einsatz, sicherten Spuren, befragten Zeugen, dokumentierten den Tatort.
Der Supermarkt blieb auch am folgenden Tag geschlossen. Wo sonst Menschen ein und aus gingen, hingen nun Absperrungen. Für die vielen Kundinnen und Kunden, die den Angriff miterlebt hatten, und für die Einsatzkräfte, die zuerst am Tatort waren, bleibt ein Bild, das sich nicht so leicht abschütteln lässt. In einer Stadt wie Ratzeburg, in der man sich kennt, spricht sich eine solche Tat in Windeseile herum. Und mit ihr die bange Frage, wie so etwas hier, mitten im Alltag, passieren konnte.
Die Ermittler übernehmen
Rasch übernahmen die Staatsanwaltschaft Lübeck und die Mordkommission der Bezirkskriminalinspektion die Ermittlungen. Sie leiteten ein Verfahren wegen des Verdachts des Totschlags gegen den 44-Jährigen ein. Der Mann war überwältigt, festgesetzt, ins Krankenhaus gebracht worden – doch die eigentliche Arbeit begann erst.
Von Beginn an stand eine Frage über allem: das Motiv. Warum hatte der Mann zugestochen? Was hatte ihn in den Markt und zu dieser Frau geführt? Die Ermittler baten die Öffentlichkeit um Mithilfe und richteten ein eigenes Hinweisportal ein, über das Zeugen ihre Beobachtungen sowie Bild- und Videodateien direkt an die Polizei übermitteln konnten. Jede Aufnahme, jede Erinnerung eines Kunden konnte helfen, die Sekunden im Supermarkt zu rekonstruieren.

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Schnell zeichnete sich ab, was die Tat nicht war. Hinweise auf einen politischen oder religiösen Hintergrund gab es nicht; eine extremistische Motivation zogen die Ermittler nach dem bisherigen Stand nicht in Betracht. Stattdessen rückte eine andere Möglichkeit in den Fokus: Die Behörden begannen zu prüfen, ob sich der mutmaßliche Täter zur Tatzeit in einem psychischen Ausnahmezustand befunden haben könnte. Ob also nicht ein nachvollziehbares Motiv, sondern eine Krise, eine Erkrankung, ein Zusammenbruch hinter der Gewalt stehen könnte.
Dass die Staatsanwaltschaft zunächst wegen des Verdachts des Totschlags und nicht wegen Mordes ermittelte, ist dabei kein Widerspruch. Die genaue rechtliche Bewertung einer Tötung entscheidet sich erst im Laufe der Ermittlungen – etwa daran, ob sogenannte Mordmerkmale wie Heimtücke oder niedrige Beweggründe vorliegen.
Solange das Motiv im Dunkeln liegt, bleibt auch die endgültige Einordnung offen. Eine zentrale Rolle wird die Frage nach der Schuldfähigkeit spielen: Sollte sich bestätigen, dass der 44-Jährige unter dem Einfluss einer schweren psychischen Störung handelte, könnte das erhebliche Folgen für ein späteres Verfahren haben – bis hin zur Frage, ob statt einer Haftstrafe eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik in Betracht kommt. Für all das braucht es Gutachten, Zeit und eine sorgfältige Rekonstruktion der Tat.
Eine Stadt sucht nach Erklärungen
Während die Ermittler Spuren sicherten und Aufnahmen auswerteten, rangen Freunde, Nachbarn und Bekannte um Fassung. Für sie ist der Tod von Frauke P. nicht nur ein Kriminalfall, sondern ein Riss mitten im eigenen Leben. Sie können nicht begreifen, dass ausgerechnet diese zurückhaltende, tierliebe Frau auf so brutale Weise sterben musste.
Es sind die kleinen Details, die den Verlust so schwer erträglich machen. Die Blumen auf dem Rücksitz, die sie nie mehr einpflanzen würde. Die Tiere zu Hause, die auf ihre Versorgerin warten. Die Parkscheibe, die noch immer die Ankunftszeit anzeigt, als sei die Zeit in jenem Moment stehen geblieben. Ein Menschenleben, reduziert auf die Gegenstände, die es hinterlassen hat – und auf die Fragen, die bleiben.
Gerade in einer überschaubaren Stadt wie Ratzeburg wiegt eine solche Tat schwer. Der Supermarkt an der Bahnhofsallee ist ein Ort, den viele kennen, an dem man sich über den Weg läuft, an dem der Alltag zu Hause ist. Dass er zum Schauplatz eines tödlichen Angriffs wurde, verändert den Blick auf das Vertraute. Plötzlich wirkt selbstverständlich Sicheres verletzlich.
Die Frage nach dem Warum
Je länger die Ermittlungen dauerten, desto drängender wurde die eine Frage, die alle umtrieb: In welcher Beziehung standen Opfer und Täter zueinander? War es ein Racheakt, ein Streit, der eskalierte? Hatte es eine Vorgeschichte gegeben, einen Konflikt, den niemand bemerkt hatte? Bei Gewalttaten dieser Art suchen Ermittler zuerst im Umfeld des Opfers – nach Verbindungen, nach Motiven, nach einem roten Faden, der die Tat erklärbar macht.
Doch je genauer die Behörden hinsahen, desto weniger fügte sich ein solches Bild zusammen. Es fanden sich keine Hinweise auf eine persönliche Beziehung zwischen dem 44-Jährigen und der 48-Jährigen. Kein Streit, keine gemeinsame Vergangenheit, keine Verbindung, die den Angriff plausibel erscheinen ließe. Und so verdichtete sich nach und nach eine Erkenntnis, die schwerer zu ertragen ist als jedes handfeste Motiv.
Die verstörende Wahrheit
Am Ende steht die Feststellung, die diesen Fall so beklemmend macht: Der mutmaßliche Täter und sein Opfer kannten sich nicht. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand handelte der Mann offenbar wahllos. Er soll die Frau, die einfach nur zwischen den Regalen stand, ohne erkennbaren Anlass angegriffen haben – ein Zufallsopfer im buchstäblichen Sinn.
„Die bisherigen Erkenntnisse haben ergeben, dass der Tatverdächtige und die Frau sich nicht kannten“, erklärte Oberstaatsanwalt Dr. Jens Buscher. Mit welchem Motiv und vor welchem Hintergrund die Tat geschah, sei nun Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Anders gesagt: Es gibt keine Erklärung, die Frauke P. zu einem bestimmten Ziel gemacht hätte. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort – in ihrem eigenen, vertrauten Alltag.

Polizeiauto, das an einem weißen Gebäude geparkt ist. | Quelle: Getty Images
Es ist diese Wahllosigkeit, die den Fall so bedrückend macht. Wäre da ein Streit gewesen, eine alte Feindschaft, ein nachvollziehbarer Auslöser, so schrecklich das auch wäre, es gäbe wenigstens eine Logik. Doch die Vorstellung, dass ein Mensch beim Einkaufen sterben kann, weil ihm zufällig jemand mit einem Messer begegnet, entzieht sich jeder Ordnung. Sie trifft einen Nerv, der uns alle betrifft: die stille Annahme, dass der Gang in den Supermarkt sicher ist.
Ob der 44-Jährige aus einer psychischen Krise heraus handelte, müssen die weiteren Ermittlungen und mögliche Gutachten zeigen. Für Frauke P. ändert das nichts mehr. Ihr silberner Wagen stand noch Tage später auf dem Parkplatz, die Chrysanthemen auf dem Rücksitz, die Parkscheibe auf halb vier – stumme Zeugen eines Nachmittags, der wie jeder andere begann und doch alles beendete.
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