
Fünfzehnter Verhandlungstag im Fall Fabian: Die Ermittlungen brachten neue Details über Ginas Aufenthaltsort an jenem tragischen Tag ans Licht

Während die Angeklagte im Gerichtssaal gefasst und beinahe gelöst wirkte, trug ein Sachverständiger Erkenntnisse vor, die den Saal in Stille versetzten. Seine Analyse zeichnet ein erschreckend klares Bild von der Tat.
Am 15. Verhandlungstag vor dem Landgericht Rostock stand eine Aussage im Mittelpunkt, die für die Anklage von großer Bedeutung ist: der Auftritt eines Fallanalytikers des Landeskriminalamts.

12. Juni 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Die Angeklagte wartet im Gerichtssaal des Landgerichts auf die Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Gina H. verfolgte den Prozesstag zunächst betont ruhig. Wie schon an den Tagen zuvor wirkte sie gefasst und ließ sich kaum etwas anmerken. Doch was der Sachverständige dann vortrug, ließ viele im Saal aufhorchen.
Insgesamt sieben Personen hatten an der sogenannten operativen Fallanalyse gearbeitet. Ihr Ergebnis fiel eindeutig aus.
Nach Einschätzung des Profilers handelte es sich um eine geplante Tötung. Mit hoher bis sehr hoher Wahrscheinlichkeit habe die Täterschaft aus einem persönlichen Motiv gehandelt – es spreche vieles für eine Beziehungstat.

12. Juni 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Harald Nowack, Oberstaatsanwalt, im Gerichtssaal des Landgerichts vor der Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Der Junge sei gezielt als Opfer ausgewählt worden. Die Täterschaft habe die besonderen Umstände des Kindes gekannt und ausgenutzt.
Ein zufälliges Sexualdelikt schloss der Sachverständige ebenso aus wie eine spontane Gewalttat. Auch andere Motive wie Bereicherung oder Verdeckung passten nicht ins Bild.
Besonders aufschlussreich: Dass der Körper nicht vollständig verbrannt war, deutete der Profiler als Hinweis darauf, dass sich Opfer und Täterschaft gekannt haben könnten.

Die Angeklagte wird in den Gerichtssaal des Landgerichts Rostock geführt zur Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian, 12. Juni 2026. | Quelle: Getty Images
Weiter führte der Sachverständige aus, die Tat sei in einem engen Zeitfenster von unter drei Stunden geschehen. Die Täterschaft dürfte den Tatort gekannt haben, aus der Region stammen, an diesem Tag Zeit gehabt und ein Fahrzeug geführt haben.
Ein eigenes Täterprofil wurde nicht erstellt – aus einem bestimmten Grund: Zum Zeitpunkt der Analyse saß bereits eine Person in Untersuchungshaft.
Für die Staatsanwaltschaft ist die Fallanalyse ein zentraler Baustein.
Staatsanwalt Oliver Schley fasste zusammen, dass Fabian als gezieltes Opfer ausgesucht worden sei und der Täter aus seinem Umfeld gestammt habe. Alle herausgearbeiteten Punkte träfen aus Sicht der Anklage auf die Angeklagte zu.
Auch die Tatsache, dass Gina H. direkt bei der Polizeistelle Güstrow angerufen habe, wertete Schley als Indiz – es zeige, dass sie sich zuvor über die Nummer informiert habe.
Die Verteidigung sieht das erwartungsgemäß völlig anders.
Anwalt Andreas Ohm betonte, die Fallanalyse arbeite nicht mit Zahlen, sondern mit Hypothesen. Eigentlich sei der Fall für eine solche Analyse nur bedingt geeignet gewesen, weil es bereits eine Beschuldigte gegeben habe. Das dürfe man nicht vergessen.
Am erschütterndsten waren jedoch jene Passagen, in denen der Sachverständige den mutmaßlichen Ablauf der Tat schilderte.
Der Profiler geht davon aus, dass Fabian kaum eine Chance hatte, sich zu wehren. Der Achtjährige sei ahnungslos gewesen, als er auf seinen Mörder traf.
„Der Junge war arglos", sagte der Sachverständige. Nach seiner Einschätzung habe das Kind keinen Verdacht geschöpft und sei völlig unvorbereitet gewesen.
Und weiter: „Der Junge ist zeitnah überwältigt und erstochen worden." Die Tat sei schnell und gezielt ausgeführt worden.
Diese nüchternen Worte machten im Gerichtssaal noch einmal das ganze Ausmaß der Tragödie deutlich, die Deutschland seit Monaten bewegt.
Der Profiler zeigte sich zudem sicher, dass eine einzelne Person die Tat allein hätte bewältigen können – ein Mann ebenso wie eine Frau. Fälle, in denen eine Täterschaft einen Menschen tötet und anschließend verbrennt, seien allerdings äußerst selten.
Wie die Täterin oder der Täter überhaupt an Fabian herantrat, ließ der Profiler offen. Denkbar seien zwei Wege gewesen: ein Klingeln an der Tür – oder der Kontakt über Online-Spiele. Dazu passt, dass Fabian als ängstliches Kind galt, das wohl nur mit einer vertrauten Person mitgegangen wäre.
Bereits zuvor hatten Handydaten für Aufsehen gesorgt: Am Tattag war das Telefon der Angeklagten über gut eine Stunde ausgeschaltet. Kurz davor hatte sie ein Bild von einem Waldweg nahe dem späteren Fundort verschickt – und ihr Auto wurde in dieser Zeit rund 120 Meter von Fabians Wohnung von einer Überwachungskamera erfasst.
Zum Abschluss des Verhandlungstages wurden weitere Sprachnachrichten zwischen Gina H. und Fabians Vater Matthias R. abgespielt. Darin ging es vor allem um Geldsorgen, Eifersucht und Streit um ihre Pferde.
Für Gina H. gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Sie schweigt seit Prozessbeginn Ende April beharrlich – könnte sich aber im August erstmals zu den Vorwürfen äußern.
Der Prozess wird fortgesetzt. Dann sollen weitere Zeugen aus dem Umfeld der Angeklagten aussagen und weitere Puzzleteile zu diesem Fall beitragen.
Wie bereits berichtet:
Ein Telefonat von gerade einmal zwei Minuten – und doch ist es einer der zentralen Momente im Prozess um den getöteten Fabian. Was die Angeklagte dem Polizisten am Telefon sagte, lässt bis heute aufhorchen.
Am 15. Verhandlungstag vor dem Landgericht Rostock rückte ein entscheidender Moment in den Mittelpunkt: jener Anruf, mit dem Gina H. am 14. Oktober 2025 den Fund von Fabians Leiche meldete.

26. Juni 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Im Prozess wegen des Mordes an Fabian aus Güstrow sitzt der Angeklagte im Gerichtssaal des Landgerichts Rostock. | Quelle: Getty Images
Aussagen machten gleich zwei Polizeibeamte, die die ersten Notrufe der Angeklagten entgegennahmen. Beide beschrieben sie dabei übereinstimmend als auffallend gefasst.
Zuvor hatte der Profiler des Landeskriminalamts seine Fallanalyse vorgestellt. Sein Fazit: Mit hoher bis sehr hoher Wahrscheinlichkeit handelte die Täterschaft aus einem persönlichen Motiv.

Christine Habetha (von links nach rechts), Rechtsanwältin und Mutter des ermordeten 8-Jährigen, im Gerichtssaal des Landgerichts vor der Wiederaufnahme des Mordprozesses im Fall Fabian. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, den zum Tatzeitpunkt achtjährigen Fabian aus Güstrow am 10. Oktober 2025 auf heimtückische Weise und aus sonstigen niederträchtigen Motiven getötet zu haben. | Quelle: Getty Images
Der Junge sei gezielt aus der Wohnung gelockt, innerhalb weniger Stunden getötet und anschließend angezündet worden. Hinweise auf ein Sexualdelikt oder eine spontane Gewalttat sah der Sachverständige nicht. Vieles spreche dafür, dass sich Opfer und Täterschaft kannten.
Doch im Zentrum des Tages stand der Anruf – und die Frage, wie kühl die Angeklagte dabei gewirkt haben soll.
Bevor jedoch das Telefonat im Detail nachgezeichnet wurde, lohnt ein Blick auf die Vorgeschichte. Denn so zufällig, wie Gina H. den Leichenfund am Telefon darstellte, hatte sich der Tag nach Überzeugung der Ermittler nicht abgespielt.

26. Juni 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Christine Habetha (von links nach rechts), Rechtsanwältin und Mutter des ermordeten 8-Jährigen, im Gerichtssaal des Landgerichts vor der Wiederaufnahme des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
An jenem 14. Oktober rief Gina H. von einem kleinen Tümpel in Klein Upahl aus die Polizei – und zwar auf Drängen ihrer Bekannten Heike M., die mit ihr verabredet und vor Ort war.
Heike M. war dabei bereits die dritte Person, die die Angeklagte gezielt zur Leiche des Jungen geführt haben soll. Sie war es auch, die darauf bestand, endlich die Polizei zu verständigen.
Zuvor hatte Gina H. nach Angaben der Ermittler schon zwei Männer zu Fabians Leiche geführt – doch keiner von ihnen rief die Polizei.
Der erste war Christian D. Über den Moment des Leichenfunds sagte er vor Gericht, irgendwie müsse sie gewusst haben, wohin sie wollte.

Im Prozess um den Mord an Fabian aus Güstrow sitzt der Angeklagte im Gerichtssaal des Landgerichts Rostock. | Quelle: Getty Images
Der zweite war ihr Nachbar Olaf K., der Stunden später mit ihr zum Tümpel ging. Er berichtete in seiner Aussage, die Angeklagte habe nach dem Leichenfund sogar gelacht.
Erst danach, am Morgen des 14. Oktober, kam es zu dem entscheidenden Anruf bei der Polizei. Und genau dieser steht nun im Fokus.
Der Polizeihauptkommissar, der den Anruf entgegennahm, gab vor Gericht ein Gedächtnisprotokoll wieder, da das Gespräch nicht aufgezeichnet wurde. Er sei zu diesem Zeitpunkt allein im Wachraum gewesen.

26. Juni 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Im Prozess wegen des Mordes an Fabian aus Güstrow sitzt der Angeklagte im Gerichtssaal des Landgerichts Rostock | Quelle: Getty Images
Der Beamte schildert den Anruf: Eine aufgeregte Frau habe gesagt:
„Ich glaube, ich habe ihn gefunden."
Auf die Nachfrage, wen sie denn gefunden habe, soll die Antwort von erschreckender Beiläufigkeit gewesen sein:
„Na den Fabi, oder das, was von ihm übrig ist."

Das Landgerichtsgebäude, fotografiert vor der Wiederaufnahme des Mordprozesses im Fall Fabian. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, Fabian aus Güstrow, der zum Zeitpunkt der Tat acht Jahre alt war, am 10. Oktober 2025 auf heimtückische Weise und aus niederträchtigen Motiven getötet zu haben. | Quelle: Getty Images
Besonders ein Wort ließ den erfahrenen Beamten hellhörig werden. „Da legte sich bei mir der Schalter um", sagte der Polizeihauptkommissar mit Blick auf den Begriff „Leiche".
Die Angeklagte habe ihn zudem gedrängt:
„Kommen Sie schnell her, es ist schrecklich."
Sie habe erklärt, beim Spazierengehen im Wald unterwegs gewesen zu sein – ihre Hunde hätten sich losgerissen und die Leiche offenbar gewittert.

18. Juni 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Der Angeklagte, der eine elektronische Fußfessel trägt, wartet im Landgerichtssaal auf die Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Bemerkenswert ist, wie die Beamten den emotionalen Zustand der Anruferin schilderten. Die Stimme habe zwar erregt und zittrig geklungen, doch von einem echten Schock war keine Rede.
„Aber hier beim Anruf war nicht dieser Schockzustand, sondern eher die Aufregung: Ich hab etwas gefunden", schilderte der Kommissar.
Auch ein zweiter Beamter, der kurz darauf mit Gina H. telefonierte, zeichnete ein ähnliches Bild. Er beschrieb sie als ruhig und sachlich.

16. Juni 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Richter Holger Schütt betritt den Gerichtssaal des Landgerichts zur Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
„Ich habe keine emotionalen Ausbrüche wahrgenommen, in der Hinsicht, dass sie weinte", sagte der Beamte. „Sie war gefasst. Das Gespräch war zielführend, es waren nur zwei Minuten."
Anschließend sei vereinbart worden, dass Gina H. am Ortseingang von Klein Upahl auf die Einsatzkräfte wartet, um sie zum Fundort zu führen.
Für Gina H. gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Sie schweigt seit Prozessbeginn beharrlich – könnte sich aber im August erstmals zu den Vorwürfen äußern. Der Prozess wird fortgesetzt.
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