
21. Verhandlungstag im Prozess um Fabian: Großmutter sagt aus, Absprachen bezüglich der Aussage von Gina H. werden offenbart
Im Prozess um den Tod des achtjährigen Fabian geht es am Landgericht Rostock weiter um die Aussagen von Angehörigen und die Beziehungen innerhalb der Familie. Gleichzeitig richtet sich der Blick zunehmend auf den 24. August: Dann will die Angeklagte Gina H. erstmals selbst vor Gericht Stellung nehmen. Ein Geständnis soll es nach Angaben ihrer Verteidigung nicht geben.
Gina H. wird vorgeworfen, den achtjährigen Fabian getötet zu haben. Über Monate hat sie im Prozess geschwiegen. Nun kündigte ihre Verteidigung an, dass sie ihre Sicht der Dinge darlegen und bestimmte Aussagen beziehungsweise Abläufe aus ihrer Perspektive einordnen wolle.
„Jede Antwort kann tödlich sein“, hieß es mit Blick auf die bevorstehende Einlassung. Zugleich machte die Verteidigung deutlich, dass nicht damit zu rechnen sei, dass Gina H. alle Fragen des Verfahrens beantworten werde.

Die Angeklagte sitzt neben ihrem Anwalt | Quelle: Getty Images
Gina H. will keine Fragen beantworten
Nach Angaben der Verteidigung soll Gina H. bei ihrer Erklärung am 24. August keine Fragen beantworten. Sie wolle vielmehr ihre Sicht schildern und bestimmte Punkte aus ihrer Perspektive richtigstellen.
Währenddessen beschrieb der Anwalt von Fabians Mutter die Belastung durch den seit Monaten laufenden Prozess: „Meine Mandantin versucht, mal abzuschalten und zu sich zu finden. Sie hat sogar ihren Geburtstag hier im Gerichtssaal verlebt, der Prozess ist sehr, sehr anstrengend für sie. Zusätzlich spürt sie den Verrat des Kindesvaters nahezu jeden Tag. Sie versteht das nicht, sie fragt mich ständig wieder: Wie kann ein Mensch so sein?“

Fabians Mutter im Gerichtssaal | Quelle: Getty Images
Was genau Gina H. zu den bisherigen Aussagen sagen wird, ist noch nicht bekannt. Die Verteidigung deutete jedoch an, dass es um mehrere Punkte des bisherigen Verfahrens gehen soll. „Es besteht Bedarf, dass sie sich zu gewissen Zeugen und den zeitlichen Abläufen äußert und das Verhältnis zu ihrem Freund mehr beleuchtet“, so ihr Verteidiger.
Zugleich dämpfte er Erwartungen an eine umfassende Aufklärung durch die bevorstehende Einlassung: „Wir können nicht darauf hoffen, dass so eine Einlassung alles umreißt. Aber sie wird vielleicht für ein bisschen Unruhe sorgen.“
Großmutter von Fabian sagt vor Gericht aus
Am 21. Verhandlungstag stand unter anderem die Großmutter des getöteten Jungen im Mittelpunkt. Sie schilderte vor Gericht auch, wie sich Fabian nach ihren Angaben in der Zeit vor seinem Tod verändert habe. „Da wurde er sehr schnell wütend, hat um sich auch manchmal herumgehauen, mal geschubst oder so, wenn ihm was zu viel wurde“, so seine Großmutter.
Etwa zur gleichen Zeit habe Fabian auch nicht mehr so viel Kontakt mit seinem Vater haben wollen. Als sie nach dem Grund gefragt habe, habe Fabian gesagt: „Papa war zu Gina böse.“ Was genau Fabian damit gemeint habe, konnte seine Großmutter nach eigenen Angaben nicht erklären. Sie sei zwar neugierig gewesen, habe aber nicht weiter nachgefragt.
Die Aussage ist damit Teil der Schilderungen, die im laufenden Verfahren zu den familiären Beziehungen und den letzten Monaten im Leben des Jungen gemacht werden. Welche Bedeutung das Gericht einzelnen Aussagen beimisst, wird erst im weiteren Verlauf des Prozesses beziehungsweise bei der abschließenden Beweiswürdigung deutlich.
Die Aussage von Gina H.s Schwester
Bereits am 20. Verhandlungstag hatte die jüngere Schwester von Gina H. als Zeugin ausgesagt. Die beiden Frauen haben nach Angaben der Zeugin seit rund acht Jahren keinen Kontakt mehr.
Die Schwester schilderte ein von Konflikten und familiären Zerwürfnissen geprägtes Verhältnis. Auf Nachfrage des Richters führte sie die Entfremdung unter anderem auf die Familiengeschichte rund um ihre Mutter zurück. Den Kindern sei über Jahre gesagt worden, ihre Mutter wolle keinen Kontakt zu ihnen.
Vor Gericht sagte die Schwester: „Wenn die ganze Kindheit auf eine Lüge aufgebaut ist und die eigene Schwester von der Wahrheit gar nichts wissen möchte.“
Mit 18 Jahren sei sie aus dem Haus der Großeltern ausgezogen, während Gina H. dort geblieben sei. Schon damals sei das Verhältnis zwischen den Schwestern belastet gewesen.
„Vertrauensvoll war das Verhältnis meiner Meinung nach da schon nicht mehr. Das hat sehr schnell nachgelassen“, erklärte die Zeugin.
Darüber hinaus äußerte sie sich kritisch über ihre Schwester. Gina H. habe ihrer Ansicht nach eigentlich nie richtig arbeiten wollen. Gleichzeitig könne sie auch liebevoll sein, sei aber schnell aufbrausend und beleidigend geworden. Außerdem habe sie schon als Kind wiederholt zum eigenen Vorteil gelogen.
Eine dieser Aussagen führte zu einem Zwischenfall im Gerichtssaal. Als ihre Schwester sie belastete, rief Gina H. quer durch den Saal: „Hast du einen Dachschaden oder was?“ Richter Holger Schütt verwarnte die Angeklagte daraufhin deutlich.
Schwester bricht bei Zeugenaufruf in Tränen aus
Später wurde die Aussage der jüngeren Schwester noch emotionaler. Die Anwältin Christine Habetha sprach den Großvater der beiden Frauen an. Über ihn hatte die Zeugin zuvor mehrfach positiv und liebevoll gesprochen.
Auf die Frage, warum sie heute auch zu ihrem Großvater keinen Kontakt mehr habe, antwortete sie unter Tränen: „Ich habe Opa jedes Jahr zu seinem Geburtstag einen Brief geschrieben.“ Eine Antwort habe sie jedoch nie bekommen.
Der Großvater war ursprünglich als Zeuge geladen worden. Nach Angaben des Gerichts machte er jedoch von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch und sagte deshalb nicht aus.
Fabians Großeltern wurden nachträglich als Zeugen geladen
Auch Fabians Großeltern mütterlicherseits, Doris L. und ihr Lebensgefährte Torsten, sind inzwischen als Zeugen Teil des Verfahrens. Sie wurden nachträglich auf Antrag der Anwältin von Fabians Mutter Dorina L. geladen.
Fabians Vater Matthias R. soll auch nach der Trennung von Dorina L. engen Kontakt zu seinen ehemaligen Schwiegereltern gepflegt haben. Nach Angaben der „Bild“-Zeitung feierte die Familie sogar weiterhin gemeinsam Weihnachten.

Die Angeklagte und ihre Anwälte | Quelle: Getty Images
Damit beschäftigt sich der Prozess nicht nur mit den Umständen von Fabians Tod, sondern auch mit den Beziehungen zwischen den beteiligten Personen. Die Aussagen der Angehörigen zeichnen dabei teilweise unterschiedliche Bilder der familiären Verhältnisse.
Am 24. August will Gina H. ihr Schweigen brechen
Nun steht der nächste wichtige Termin bevor. Nach Angaben ihrer Verteidigung will Gina H. am 24. August erstmals selbst vor Gericht sprechen. Dabei soll es ausdrücklich nicht um ein Geständnis gehen.
Welche Punkte sie ansprechen wird, ist bislang nicht vollständig bekannt. Ihre Verteidigung kündigte jedoch an, dass sie sich zu bestimmten Zeugen, zeitlichen Abläufen und ihrem Verhältnis zu ihrem Freund äußern wolle.
Für das Gericht wird ihre Erklärung damit ein weiterer Bestandteil der Beweisaufnahme sein. Ob und in welchem Umfang sie bislang offene Fragen beantwortet oder neue Fragen aufwirft, wird sich erst zeigen, wenn Gina H. tatsächlich vor Gericht Stellung nimmt.