
Zeugin bricht am sechsten Verhandlungstag im Fabian-Prozess in Tränen aus – als ihr klar wird, welches Foto sie möglicherweise gemacht hat
Sie dachte, jemand habe ein bisschen Schilf abgebrannt. Vier Tage später fand die Polizei an genau dieser Stelle die Leiche des achtjährigen Fabian. Was die Zeugin im Gerichtssaal realisierte, ließ sie zusammenbrechen.
Der sechste Prozesstag im Mordfall Fabian begann mit einer überraschenden Wendung. Auf dem Programm standen zwei Zeuginnen, die „Beobachtungen zu Rauch und Feuer am späteren Fundort gemacht hatten" – und ein Foto, das mitten in den Ermittlungen auftauchte und viele Fragen aufwarf.

27. Mai 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Die Angeklagte wartet im Gerichtssaal des Landgerichts auf die Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Das Bild zeigt Flammen und weißen Qualm an einem abgelegenen Tümpel bei Klein Upahl. Es war erstmals am 5. November 2025 bei der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst" aufgetaucht. Wer das Foto gemacht hatte, war lange unklar. Am Mittwoch sollte das geklärt werden.
Ein 18-jähriger Landwirt aus Reimershagen – dem Ort, aus dem auch die Angeklagte stammt – sorgte als erster für Aufsehen. Er gab an, am 10. Oktober gegen 12.10 Uhr den auffälligen orangen Ford Ranger von Gina H. auf genau jenem Sandweg gesehen zu haben, der zum Tümpel führt.

Die Angeklagte wartet mit Handschellen im Gerichtssaal des Landgerichts auf die Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
„Der orangene Pickup kam auf einem Sandweg gefahren und fuhr dann Richtung Dorf weg", sagte er. Einer seiner Kollegen soll damals gesagt haben: „Mensch, das ist doch die Gina aus Reimershagen."
Eine weitere Zeugin berichtete, Gina H. gegen 14.50 Uhr auf der Fahrt von Reimershagen in Richtung Krakow am See gesehen zu haben. „Sie kam aus dem Wald angeschossen", sagte sie. Die beiden kennen sich als Nachbarinnen aus Reimershagen und hätten sich mit einem Kopfnicken gegrüßt.
Dann kam der Moment, der den Saal zum Schweigen brachte.

Andreas Ohm (v. l. n. r.), Rechtsanwalt, der Angeklagte und Thomas Löcker, Rechtsanwalt, erheben sich im Gerichtssaal des Landgerichts, als das Gericht zur Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian den Saal betritt. | Quelle: Getty Images
Eine 45-jährige Frau aus Klein Upahl wurde als Zeugin gehört. Sie berichtete, dass sie am 10. Oktober 2025 beim Ausführen ihres Pferdes an einem abgelegenen Tümpel ein kleines Feuer bemerkt hatte. Weil es schnell wieder ausging, hatte sie sich nichts dabei gedacht. Sie sagte:
„Ich dachte, da hat jemand ein bisschen Schilf abgebrannt."
Sie machte ein Foto – und vergaß die Sache.
Bis vier Tage später die Polizei im ganzen Ort war. An genau diesem Tümpel hatten Ermittler die Leiche des achtjährigen Fabian gefunden.

Andreas Ohm (v. l. n. r.), Rechtsanwalt, der Angeklagte und Thomas Löcker, Rechtsanwalt, erheben sich im Gerichtssaal des Landgerichts, als das Gericht zur Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian den Saal betritt. | Quelle: Getty Images
Als die Polizei die Frau zu Hause befragte und fragte, ob sie etwas bemerkt habe, fiel es ihr wieder ein. „Bei dieser Frage fiel es mir wieder ein", erklärte die Zeugin im Gerichtssaal – und musste sich erst die Tränen wegwischen. Danach sagte sie:
„Ich hab das sogar fotografiert. Sagt bitte nicht, dass das das Kind war?"
Der Richter unterbrach kurz die Verhandlung, um der Frau Zeit zu geben, sich zu beruhigen.
Dann wurden Luftaufnahmen gezeigt – und der Spazierweg, den die Zeugin täglich absolviert, wurde vermessen. Das Ergebnis: Sie stand am Tattag nur 70 Meter vom Fundort entfernt.

Andreas Ohm (v. l. n. r.), Rechtsanwalt, der Angeklagte und Thomas Löcker, Rechtsanwalt, erheben sich im Gerichtssaal des Landgerichts, als das Gericht zur Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian den Saal betritt. | Quelle: Getty Images
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Gina H. nach der Tat mit Grillanzünder zum Tatort zurückgekehrt war, um Spuren zu verwischen. Laut Anklage starb Fabian zwischen 10.50 und 13 Uhr.
Das Feuer, das die Zeugin fotografierte, soll in jenem Zeitfenster gelegen haben.
Am nächsten Verhandlungstag soll ein Auto-Gutachter zu den Fahrten des Pickups der Angeklagten aussagen. Außerdem werden zwei Fachleute zu Textil- und Blutspuren erwartet.
Richter Schütt kündigte zudem an, dass Ergebnisse zu Messerprüfungen vorgestellt werden – darunter ein Messer, das ein Bekannter des Vaters gemeldet hatte und das zunächst nicht untersucht worden war.
Für Gina H. gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Ein Urteil soll Ende August oder Anfang September fallen.
Wie bereits berichtet:
Der fünfte Prozesstag im Mordfall Fabian hielt mehrere überraschende Momente bereit – darunter eine Zeugin, die das Gericht mit ihren Antworten fassungslos zurückließ, und eine Polizistin, deren Aussagen Fabians Mutter zu Tränen rührten.
Am Landgericht Rostock wird seit dem 28. April 2026 der Mordprozess gegen Gina H. verhandelt. Die 30-Jährige soll den achtjährigen Fabian aus Güstrow am 10. Oktober 2025 mit sechs Messerstichen getötet und seine Leiche anschließend angezündet haben. Als mutmaßliches Motiv gilt die Eifersucht auf das Kind nach der Trennung von Fabians Vater. Gina H. schweigt bislang zu den Vorwürfen. Für sie gilt die Unschuldsvermutung.

21. Mai 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Der Angeklagte im Mordprozess wird in den Gerichtssaal des Landgerichts geführt. | Quelle: Getty Images
Der fünfte Prozesstag brachte eine kurzfristige Planänderung. Statt der ursprünglich vorgesehenen Polizistin wurde zunächst die Mutter von Fabians Vater, Monika R., als erste Zeugin in den Stand gerufen.
Die 62-Jährige sollte Erkenntnisse über das familiäre Umfeld des Jungen liefern – über seine Beziehung zum Vater, zu Gina H. und über den Wiederaufbau des Kontakts in den Monaten vor seinem Tod.
Was dann folgte, überraschte den gesamten Saal.

Internetnutzer kommentieren die neuesten Entwicklungen im Mordprozess im Fall Fabian. | Quelle: youtube.com/watch?v=GIxmwoHf2_M
Monika R. antwortete auf die meisten Fragen mit Schweigen, mit Erinnerungslücken oder mit schlichten Verneinungen. Ihr Auftritt verlief so ungewöhnlich, dass sogar Richter Holger Schütt mehrfach innehalten musste. Dabei trug sie ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Don't worry, beer happy."
Schütt fragte die Zeugin direkt: „Wissen Sie, was mit Fabian passiert ist?" – „Nein", antwortete die Oma. „Würden Sie gerne wissen, was mit ihm passiert ist?" – „Nein." Der Richter schwieg für einen Moment.

21. Mai 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Gerichtsvollzieher sichern den Gerichtssaal des Landgerichts zu Beginn der Fortsetzung des Mordprozesses. | Quelle: Getty Images
Er versuchte es erneut, sanfter:
„Ich möchte gerne wissen, warum eine Oma, die ihren Enkel geliebt hat, nicht wissen möchte, was passiert ist. Vielleicht wollen Sie uns einfach helfen. Denn wir wollen wissen, was passiert ist. Dann beantworten Sie einfach meine Fragen. Denken Sie einfach noch mal kurz darüber nach."
Die Antwort der Zeugin: „Nö."

21. Mai 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Andreas Ohm (v. l. n. r.), Rechtsanwalt, der Angeklagte und Thomas Löcker, Rechtsanwalt, warten im Gerichtssaal des Landgerichts auf die Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Reporterin Isabel Pfannkuche, die den Prozess für BILD vor Ort verfolgt, kommentierte den Verlauf des Prozesstages:
„Es ist nicht zu glauben, dass sich die halbe Familie plötzlich an nichts mehr erinnern möchte. Mir fehlen wirklich die Worte. Wenn eine Oma behauptet, sie wolle nicht wissen, was ihrem Enkel passiert ist."
Der Verlauf der ersten Hälfte des Prozesstages macht die Bild-Reporterin sprachlos.

13. Mai 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Ein Gerichtsangestellter (v. l. n. r.), Rechtsanwalt Thomas Löcker, der Angeklagte und Rechtsanwalt Andreas Ohm stehen zu Beginn der Fortsetzung des Mordprozesses im Gerichtssaal des Landgerichts. | Quelle: Getty Images
Staatsanwalt Oliver Schley äußerte den Verdacht, Fabians Vater Matthias R. könnte seiner Mutter vorab gesagt haben, wie sie sich vor Gericht verhalten solle.
Die Zeugin widersprach zunächst: „Nein. Er hat nur gesagt, ich soll sagen, wenn ich mich erinnern kann." Auf eine weitere Frage des Staatsanwalts schwieg sie minutenlang. Anschließend wurde sie als Zeugin entlassen.
Im Laufe des Nachmittags wurde dann die Polizistin gehört, die nach Fabians Verschwinden zu dem Fall ermittelt hatte. Sie berichtete über ihre Begegnungen mit Gina H. in den Tagen rund um das Verschwinden des Kindes sowie über den Fundort der Leiche. Fabians Mutter Dorina L. verließ während der Aussage weinend den Gerichtssaal – sie konnte die Schilderungen nicht ertragen.
Auf die Frage, wie Gina H. sich am 13. und 14. Oktober verhalten habe, antwortete die Beamtin:
„Frau H. hat nicht viel Gefühlsregung gezeigt. Im Nachgang fragt man sich natürlich, was hat man übersehen an dem Tag. Sie war relativ gleichbleibend in ihrer Stimmung und in ihrer Mimik auch. Sehr kontrolliert."
Als Gina H.s Anwalt Thomas Löcker fragte, wie lange die Beamtin schon in ihrem Beruf tätig sei, antwortete sie klar: „Ich arbeite 25 Jahre in dem Beruf. Ich weiß, was Sie mit der Frage erreichen wollen. Sie wollen meine Aussage unglaubwürdig machen oder meine Arbeit infrage stellen." Zudem wurden bei Gina H. zwei Kanister mit Benzin sichergestellt, wie die Beamtin ausführte.

Internetnutzer kommentieren die neuesten Entwicklungen im Mordprozess im Fall Fabian. | Quelle: youtube.com/watch?v=GIxmwoHf2_M
Auch das Alibi von Fabians Vater war am Donnerstag Gegenstand der Verhandlung. Die Staatsanwaltschaft grenzt den Tatzeitraum auf die Zeit zwischen 10.50 und 13 Uhr ein.
Matthias R. hatte bereits am zweiten Prozesstag ausgesagt, er sei in dieser Zeit mit seinem Auto in einer Werkstatt gewesen, habe gemeinsam mit einem Förster ein Waldstück besucht und sich zwischen 12 und 13 Uhr an seinem Arbeitsplatz aufgehalten. Eine Polizistin wurde gehört, die dieses Alibi überprüft hatte.
Der Vater selbst bleibt eine der umstrittensten Figuren des Verfahrens. Beim dritten Prozesstag hatte er vor Gericht erklärt:
„Wir sind wieder ein Paar. Das hat sich im Gefängnis im Januar ergeben."

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Auf die Frage des Richters zu seiner Haltung gegenüber der Angeklagten sagte er: „Ich stehe offen und ehrlich hinter ihr."
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Matthias R. wegen des Verdachts auf Falschaussage. Der Prozess wird mit weiteren Verhandlungstagen bis mindestens September fortgesetzt.
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