
Zweiter Tag von Fabians Prozess: Zeitachse, neue Details und ein Foto, „das schwer zu ertragen ist“
Am zweiten Verhandlungstag im Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow wurde vor dem Landgericht Rostock nicht nur weiter über Abläufe gesprochen. Es ging um Erinnerungen, um widersprüchliche Aussagen, um alte Spannungen – und um Bilder, die selbst im Gerichtssaal kaum auszuhalten waren. (Video)
Während am Vormittag Fabians Mutter Dorina L. als Nebenklägerin aussagte, stand am Nachmittag der Vater des Jungen im Mittelpunkt. Beide zeichneten ein Bild, das den Fall in mehreren Punkten weiter verdichtete, zugleich aber auch neue Fragen aufwarf.

Die Angeklagte wartet im Gerichtssaal des Landgerichts auf den Beginn des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Vernehmung der Mutter
Zunächst richtete sich der Blick auf den Tag vor Fabians Verschwinden und auf den 10. Oktober 2025 selbst. Seine Mutter verriet, dass ihr Sohn klare Regeln kannte. So habe Fabian nach ihren Angaben niemals allein die Tür öffnen dürfen, nicht einmal an die Gegensprechanlage sei er gegangen.
Gerade diese Aussage ist bedeutsam, weil die Anklage davon ausgeht, dass die Angeklagte Gina H. den Jungen aus der Wohnung gelockt haben soll, während seine Mutter bei der Arbeit war.
Auch über ihre Beziehung zum Vater des Jungen sprach die Mutter. Sie verriet, dass es in ihrer Beziehung damals bergab ging, nachdem Fabian 2017 zur Welt kam: „Ich habe die Beziehung beendet, weil ich mich absolut nicht mehr wohlgefühlt habe“.

Kerzen, Kuscheltiere und ein Schild mit der Aufschrift „In Trauer um Fabian“ stehen vor Beginn der Trauerfeier am Eingang der St.-Mary-Kirche, um Abschied vom achtjährigen Fabian zu nehmen. | Quelle: Getty Images
Er soll vermehrt Alkohol getrunken haben und Partys gefeiert haben. Auch im Wesen soll er sich sehr verändert haben, soll laut und aggressiv geworden sein, heißt es. Doch der Fokus ihrer Aussage richtete sich auf das Verschwinden ihres Sohnes.
Im Verlauf der Befragung rekonstruierte das Gericht den letzten bekannten Tagesablauf sehr genau. Er soll am Abend vor seinem Verschwinden einen Anruf bekommen haben. Mit wem er telefoniert habe, wisse die Mutter laut eigenen Angaben nicht. Nach dem Anruf jedoch ließ der Junge bereits verlauten, dass es ihm nicht gut gehe. Er soll gesagt haben:
„Mama, mir geht's nicht gut.“

Thomas Löcker (vorne, von links nach rechts), Rechtsanwalt, die Angeklagte und Andreas Ohm, Rechtsanwalt, warten im Gerichtssaal des Landgerichts auf den Beginn des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Fabian habe sich am Morgen des 10. Oktober unwohl gefühlt und sei deshalb zu Hause geblieben. Sein Handy ließ er später in der Wohnung zurück – ein Umstand, der laut den Aussagen seiner Mutter untypisch gewesen sei.
Als sie am Nachmittag nach Hause gekommen sei, habe sie die Wohnung verschlossen vorgefunden, ihren Sohn aber nicht mehr angetroffen. Allerdings war ihr etwas Komisch vorgekommen – die Tür war nur einmal verschlossen:
„Meistens hat er zweimal abgeschlossen“

Vor Beginn der Trauerfeier stellen die Teilnehmer Kerzen und Andenken vor der St.-Marien-Kirche ab, nachdem die Leiche eines Kindes in einem Wald in der Nähe von Güstrow gefunden wurde. | Quelle: Getty Images
Zunächst habe sie ihn bei Freunden oder im Jugendklub vermutet, dann sei aus dem ersten Unbehagen ernste Sorge geworden: „Dann kam ein unruhiges Gefühl“. Kurz vor 20 Uhr meldete sie Fabian als vermisst.
Besonders belastend wurde der Vormittag, als der Vorsitzende Richter mehrere Fotos aus der Akte zeigen ließ. Zunächst ging es um Fabians blau-weiße Schuhe, die später nicht wieder aufgetaucht sind. Dann folgte ein weiterer Bildbeweis, den der Richter mit den Worten einleitete: „Ich muss Ihnen jetzt ein Foto zeigen, das schwer zu ertragen ist“. Zu sehen waren laut Bericht verkohlte Reste eines Pullovers. Fabians Mutter erkannte das Kleidungsstück schluchzend wieder.
Auch über das Verhältnis des Jungen zu seinem Vater und zur Angeklagten kamen neue Details ans Licht. Nach Darstellung der Mutter habe Fabian zunächst ein gutes Verhältnis zu Gina H. gehabt. Später jedoch habe sich etwas verändert. Irgendwann habe ihr Sohn nicht mehr zu seinem Vater gewollt. Schließlich habe Fabian gesagt: „Ich habe gesehen, wie Papa Gina gehauen hat“. Danach sei es zum Kontaktabbruch zwischen Vater und Sohn gekommen.
Am 14. Oktober, dem Tag, an dem die Leiche des Jungen gefunden wurde, war die trauernde Mutter mit einer Polizistin zusammen. Sie erinnerte sich ganz genau daran, wie sie vom Tod ihres Sohnes erfahren hatte. Die Polizistin erhielt einen Funkspruch und drehte sich zu der Mutter:
„Ich habe ihr ins Gesicht geguckt und angefangen, mit dem Kopf zu schütteln.“
Daraufhin soll die Polizistin erwidert haben: „Es wurde eine Kinderleiche gefunden. Zu 99,9 Prozent ist das Fabian.“
Vernehmung des Vaters
Am Nachmittag wurde Fabians Vater Matthias R. als Zeuge vernommen. Seine Aussage brachte an mehreren Stellen Spannungen in den Saal. Er schilderte die frühere Beziehung zu Gina H. insgesamt als „ganz gut“, räumte aber zugleich Konflikte ein. In mehreren Punkten wich seine heutige Darstellung von früheren Aussagen oder anderen Zeugenaussagen ab.
So bestritt er unter anderem, von einer Manipulation durch Gina H. überzeugt gewesen zu sein, obwohl entsprechende frühere Angaben und Chatnachrichten im Verfahren thematisiert wurden. Auch bei Fragen zu Eifersucht, Kontrolle und möglichen Übergriffen geriet er unter Druck.
Zusätzliche Brisanz bekam der Tag durch einen Hinweis auf ein mögliches Messer, das laut Aussage des Vaters über einen Bekannten in einem Mülleimer gefunden worden sein soll – rund 13 Kilometer vom Tatort entfernt. Die Tatwaffe wurde bislang nicht gefunden.
Der Verteidiger der Angeklagten griff diesen Punkt nach Prozessende scharf auf und warf der Staatsanwaltschaft vor, dem Hinweis nicht ausreichend nachgegangen zu sein. Daraus entwickelte sich ein offener Streit zwischen Verteidigung und Anklage.
Der zweite Verhandlungstag zeigte damit vor allem eines: Der Fall ist nicht nur von schwersten Vorwürfen geprägt, sondern auch von widersprüchlichen Wahrnehmungen innerhalb des familiären Umfelds. Während die Mutter des Jungen mit großer Klarheit und sichtbarer Erschütterung auftrat, hinterließ die Aussage des Vaters einen anderen Eindruck – komplexer, widersprüchlicher und für das Gericht offenbar noch nicht abgeschlossen. Seine Vernehmung soll am nächsten Prozesstag fortgesetzt werden.
Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt für Gina H. die Unschuldsvermutung.
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