
Neue Explosionen erschüttern Frankfurt – Zeil und Berger Straße getroffen – Video

In der Nacht zu Donnerstag knallt es in Frankfurt gleich zweimal – mitten in der City, auf einer der bekanntesten Einkaufsstraßen Deutschlands. Die Explosionsserie im Rhein-Main-Gebiet reißt nicht ab. Am Ende steht ein Bild von heute Morgen, das das ganze Ausmaß zeigt.
Frankfurt am Main kommt nicht zur Ruhe: In der Nacht auf Donnerstag hat es in der Mainmetropole erneut gleich zweimal geknallt. Gegen 4.20 Uhr gingen bei der Polizei mehrere Notrufe ein, kurz darauf rückten die Einsatzkräfte mit einem Großaufgebot aus. Betroffen waren zwei Orte im Stadtgebiet – und einer davon liegt mitten auf der Zeil, der zentralen Einkaufsmeile der Stadt.
„Beide Explosionen wurden zeitgleich gemeldet", teilte eine Polizeisprecherin mit. Ob Menschen zu Schaden kamen, war zunächst unklar. Fest steht: Die Detonationen rissen Anwohner aus dem Schlaf und hinterließen ein Bild der Verwüstung an gleich zwei Schauplätzen.

Polizei | Quelle: Getty Images
Zwei Schauplätze, schwere Schäden
Nach ersten Erkenntnissen explodierten die Sprengsätze zum einen vor einem Kiosk auf der Zeil in der Nähe des Bürgeramts, zum anderen vor einem Café auf der Berger Straße im Stadtteil Nordend. Beide Gebäude wurden stark beschädigt, mehrere Scheiben gingen zu Bruch.
Vor allem die Wucht der Detonation an der Berger Straße war enorm. Die Druckwelle beschädigte nicht nur das betroffene Lokal selbst, sondern auch eine gegenüberliegende Suppenbar, eine angrenzende Sparkasse sowie mindestens ein geparktes Auto. Auf der unteren Berger Straße waren die Spuren der Explosion am Morgen deutlich zu erkennen – Glassplitter, aufgerissene Fassaden, abgesperrte Bereiche. Ein vertrautes, belebtes Viertel, das über Nacht zum Tatort wurde.
Die Zeil wiederum zählt zu den besucherstärksten Einkaufsstraßen Deutschlands. Dass ausgerechnet hier ein Sprengsatz detonierte, wenn auch zu nachtschlafender Zeit, verleiht dem Fall eine besondere Brisanz. Nur wenige Stunden später schoben sich hier wieder Tausende Passanten durch die Geschäfte – ahnend, dass in derselben Straße in der Nacht etwas explodiert war.

Zwei Polizeibeamte stehen vor der Weill-Synagoge | Quelle: Getty Images
„Schon wieder" – eine Serie, die nicht abreißt
Die beiden Explosionen sind nicht der Auftakt, sondern die vorläufige Fortsetzung einer beunruhigenden Serie. Bereits Anfang der Woche war es im Umkreis von Frankfurt innerhalb kürzester Zeit mehrfach zu Detonationen gekommen.
Am Sonntag wurde in Frankfurt-Sachsenhausen ein Kiosk stark beschädigt. Nahezu zeitgleich hatte es zuvor in Offenbach am Main eine Explosion gegeben, unter anderem waren dort in der Vergangenheit ein Lokal und ein Restaurant betroffen. In der Nacht auf Montag folgte dann ein besonders heftiger Vorfall: Gegen 5.50 Uhr detonierte ein Sprengsatz am Eingang eines vierstöckigen Mehrfamilienhauses im Familien-Stadtteil Frankfurt-Bockenheim. Die Druckwelle war so stark, dass noch in etwa zehn Metern Entfernung Fensterscheiben zerstört wurden. Wem der Anschlag galt, ist bis heute unklar. Inzwischen wacht dort ein Sicherheitsdienst.
Innerhalb von rund 24 Stunden hatte es damit gleich drei Explosionen gegeben – in einem Café beziehungsweise Lokal in Offenbach, an einem Kiosk in Sachsenhausen und an dem Wohnhaus in Bockenheim. Eine Häufung, die bei Anwohnern wie Ermittlern die Alarmglocken schrillen lässt.

Polizeibeamte arbeiten am Tatort | Quelle: Getty Images
Festnahme nach den ersten Detonationen
Nach den Explosionen zu Wochenbeginn konnte die Polizei einen Verdächtigen festnehmen – und der ist auffällig jung. „Es handelt sich um einen 15-jährigen Niederländer. Ihm wird der Tatvorwurf des Herbeiführens einer Sprengstoff-Explosion gemacht", sagte der Frankfurter Oberstaatsanwalt Dominik Mies auf BILD-Anfrage.
Der Jugendliche war kurz nach einer der Detonationen in Tatortnähe gefasst worden und kam in Untersuchungshaft. Für ihn gilt, wie für jeden Beschuldigten, die Unschuldsvermutung. Doch die Umstände seiner Festnahme lenken den Blick auf ein Phänomen, das Ermittler bundesweit zunehmend beschäftigt – und das erklärt, warum ausgerechnet ein 15-Jähriger in einen solchen Fall verwickelt sein soll.
„Gewalt als Dienstleistung"
Nach vorläufigen Erkenntnissen führt die Spur zur organisierten Kriminalität – und zu einem Modell, das international unter dem Schlagwort „Violence as a Service" (VaaS), also „Gewalt als Dienstleistung", bekannt ist. Dahinter steckt eine relativ neue Form der Kriminalität: Kriminelle Netzwerke lagern die Vorbereitung und Durchführung von Gewalttaten gegen Bezahlung an Dritte aus.
Angeworben werden dafür häufig Jugendliche und junge Erwachsene, oft über Messengerdienste und Social-Media-Plattformen. Sie gelten in der Szene als „Wegwerf-Kriminelle": junge Leute, nicht selten aus den Niederlanden, die für vergleichsweise geringes Geld Straftaten begehen sollen – etwa Sprengsätze an Lokalen, Geschäften oder Wohnhäusern zu zünden. Die eigentlichen Hintermänner bleiben dabei im Verborgenen und lassen die Drecksarbeit von Minderjährigen erledigen, die im Ernstfall die Konsequenzen tragen.
Dass ein solches Muster im Rhein-Main-Gebiet keine bloße Theorie ist, zeigt ein weiterer Fall: Bereits im März dieses Jahres war ein 20-jähriger Niederländer festgenommen worden, der an mehreren Explosionen beteiligt gewesen sein soll.
Das Geschäftsmodell ist dabei kein rein deutsches Phänomen. Beobachter verweisen darauf, dass sich diese Form der ausgelagerten Gewalt in den vergangenen Jahren vor allem in den Niederlanden und in Skandinavien im Zuge von Bandenkonflikten ausgebreitet hat und zunehmend über die Grenzen schwappt. Die Logik dahinter ist für die Auftraggeber bestechend – und zynisch: Wer die Tat nicht selbst ausführt, sondern über Chats und Plattformen anonym in Auftrag gibt, macht sich für die Ermittler schwer greifbar. Die angeheuerten Jugendlichen kennen ihre Hintermänner oft nicht einmal persönlich, sondern nur über ein Pseudonym im Netz. Wird einer von ihnen gefasst, ist der eigentliche Drahtzieher längst außer Reichweite – und der nächste „Auftrag" schnell an den nächsten Minderjährigen vergeben.
Die Fallzahlen steigen deutlich
Wie sehr das Phänomen um sich greift, verdeutlichen Zahlen des Hessischen Landeskriminalamts (HLKA). „Mit Beginn der Erfassung im Jahr 2024 wurden in Hessen zunächst vereinzelt Sachverhalte im Zusammenhang mit dem Phänomen ‚Violence as a Service' (VaaS) bekannt. Die Fallzahlen bewegten sich im einstelligen Bereich", teilte das HLKA auf Nachfrage mit.
Doch das änderte sich rasch: „Im Verlauf des Jahres 2025 wurde ein deutlicher Anstieg verzeichnet; die Fallzahlen liegen im unteren zweistelligen Bereich." Und die Entwicklung hält an. Auch im laufenden Jahr 2026 werde derzeit eine mittlere zweistellige Anzahl von Sachverhalten auf eine mögliche Zuordnung zum Phänomen VaaS geprüft. Weil sich die Taten nicht immer sofort eindeutig zuordnen lassen, findet beim HLKA zudem eine ständige rückwirkende Überprüfung zurückliegender Vorfälle statt.
In wenigen Jahren also von Einzelfällen zu einer mittleren zweistelligen Zahl an Verdachtsfällen – eine Dynamik, die zeigt, dass sich hier eine neue kriminelle Struktur etabliert, die gezielt die Jüngsten ausnutzt.
Gehören die neuen Explosionen dazu?
Ob auch die beiden Detonationen der vergangenen Nacht in dieses Muster passen, ist derzeit Gegenstand der Ermittlungen. Die Polizei hält sich mit Festlegungen bewusst zurück. „Der Hintergrund der Explosionen am Donnerstagmorgen ist Gegenstand der Ermittlungen", hieß es lediglich.
Die Parallelen sind allerdings schwer zu übersehen: erneut zwei Ziele, erneut gleichzeitig, erneut kleine Gewerbebetriebe wie ein Kiosk und ein Café, erneut mitten in der Stadt. Ob es sich um dieselben Auftraggeber, dasselbe Netzwerk oder um Nachahmer handelt, müssen die kommenden Tage zeigen. Klar ist: Die Ermittler arbeiten eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen und werten sämtliche Spuren aus.
Gerade die zeitgleiche Ausführung an zwei getrennten Orten spricht aus Sicht von Fachleuten für eine gewisse Planung und Koordination – kein spontaner Einzelfall, sondern eine gezielte Aktion. Das erhöht den Druck auf die Ermittler, schnell mögliche Verbindungen zwischen den Fällen herzustellen, bevor es zu weiteren Taten kommt. Denn die größte Sorge ist eine Eskalation: Was heute Gebäude und Schaufenster trifft, kann bei einer Explosion zur falschen Zeit auch Menschen treffen. Bei Sprengungen mitten in Wohn- und Geschäftsvierteln ist es letztlich Zufall, ob sich zum Zeitpunkt der Detonation jemand in der Nähe befindet.
Für die Menschen in Frankfurt bleibt vorerst ein mulmiges Gefühl. Eine Serie von Sprengungen mitten im dicht besiedelten Stadtgebiet, ausgeführt womöglich von angeheuerten Jugendlichen, im Auftrag unbekannter Hintermänner – das verunsichert. Vor allem in belebten Vierteln wächst die Sorge, dass die Explosionen Teil krimineller Strukturen größeren Ausmaßes sein könnten. Dass bislang niemand ernsthaft verletzt wurde, ist bei dieser Häufung vor allem eines: großes Glück.
Das Foto von heute Morgen
Wie nah das Geschehen an den Alltag der Menschen heranrückt, macht ein Bild deutlich, das am Donnerstagmorgen an einem der Tatorte entstanden ist. Es zeigt die Szene, kurz nachdem die Notrufe eingegangen waren: Einsatzkräfte der Polizei sichern den Bereich, direkt neben einem der beschädigten Geschäfte, mitten in der vertrauten Kulisse der Frankfurter Innenstadt.
Es ist ein Foto, das die Diskrepanz zwischen Alltag und Bedrohung auf den Punkt bringt – ein ganz normaler Laden, eine ganz normale Straße, und mittendrin die Spuren einer Sprengung sowie Beamte, die den Tatort sichern. Genau dieses Bild dürfte vielen Frankfurtern noch länger im Gedächtnis bleiben.
Für die Ermittler beginnt nun die Kleinarbeit: Spuren sichern, Aufnahmen von Überwachungskameras auswerten, mögliche Verbindungen zu den früheren Explosionen und zu den Hintermännern prüfen. Und für eine ganze Stadt bleibt die bange Frage, ob es bei diesen Explosionen bleibt – oder ob die Serie weitergeht.
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