
Anwalt von Gina H. muss „leider recht geben" – sie habe versucht, Fabians Vater zu manipulieren: Gefängnisgespräch enthüllt

Am 19. Verhandlungstag im Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow standen gleich mehrere brisante Momente im Mittelpunkt. Zunächst äußerte sich der langjährige Psychotherapeut der Angeklagten zu ihrem psychischen Zustand — später wurde ein Moment im Gerichtssaal bekannt, bei dem es plötzlich ganz still wurde.
Vor dem Landgericht Rostock wurde deutlich: Die 30-jährige Gina H. soll nicht nur mit einer schweren Persönlichkeitsstörung kämpfen, sondern bei einem Gefängnisbesuch auch versucht haben, Fabians Vater von ihrer Version der Ereignisse zu überzeugen.
Psychotherapeut: „Wie ein Astronaut im All, ohne jeden Halt"
Der Facharzt, der Gina H. rund neun Jahre lang behandelte, wurde am Donnerstag eigens von seiner Schweigepflicht entbunden, um vor Gericht aussagen zu können, wie Bild berichtet. Er beschrieb bei ihr eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Typus sowie eine soziale Phobie, wie der NDR berichtet. Menschenmengen hätten sie schnell überfordert. Von einer erfolgreichen Therapie könne trotz jahrelanger Behandlung keine Rede sein.
Der Richter wies zudem auf einen möglichen Widerspruch hin: Gina H. bezog eine Erwerbsminderungsrente, versorgte aber täglich ihre fünf Pferde und nahm an Reitturnieren teil. Der Therapeut räumte ein:
„Ich sehe da schon einen Widerspruch."
Auch dass Gina H. ihm nicht zeitnah von ihren Suizidversuchen berichtet hatte, nannte er „ungewöhnlich" und „sehr befremdlich".
Post im Gefängnis
Gina H. berichtete zudem von ungewöhnlicher Post, die sie in der JVA erhalten habe:
„Ich hab auch Post bekommen von zwei unterschiedlichen Menschen hier drinne. Einer aus Schwerin, einer aus Saarbrücken oder so. Der war über 50. Der hat mir seine halbe Lebensgeschichte erzählt. Der wollte mir eine Wohnung anbieten, dass ich hier wegkomme, wenn ich rauskomme. Es gibt auch Leute, die E-Mails schreiben, dass sie mich finanziell unterstützen wollen."

Die Angeklagte sitzt zwischen ihren Anwälten Andreas Ohm (l.) und Thomas Löcker (r.) im Gerichtssaal des Landgerichts Rostock, 1. Juli 2026. | Quelle: Getty Images
„18 Jahre – oder 25": Ein Satz, der hängen blieb
Besonders brisant wurde es, als im Gerichtssaal Mitschnitte aus der JVA abgespielt wurden, wie RTL berichtet. Es geht um einen Besuch vom 11. Dezember 2025 — Gina H. sitzt zu diesem Zeitpunkt erst gut einen Monat in Untersuchungshaft. Ihr gegenüber: Matthias R., Fabians Vater. Sie behauptet, der Staatsanwalt erpresse sie:
„Wenn ich jetzt etwas sage, bekomme ich 18 Jahre. Wenn ich nichts sage: 25."
Matthias R. antwortet: „Naja, was sollst du sagen. Du hast nichts gemacht." — Gina H.s Darstellung kommt bei ihm an.
In einem weiteren Gespräch erklärt sie zudem, warum sie ausgerechnet bei Klein Upahl nach Fabian gesucht habe: Dort sei sie früher mit den Kindern Schlitten gefahren. Genau hier setzt die Staatsanwaltschaft an — für sie ist deutlich zu erkennen, dass Gina H. versuchte, ihrem Gesprächspartner eine bestimmte Version der Ereignisse nahezulegen.
Wie genau Gina H. versuchte, Fabians Vater von ihrer Unschuld zu überzeugen, zeigt ein weiterer Mitschnitt aus der JVA — selbst die Verteidigung kommt dabei in Erklärungsnot.
Die Google-Suche, die alles ins Wanken bringt
Am selben Verhandlungstag wurden mehrere Audio- und Videomitschnitte aus der JVA abgespielt, in der Gina H. seit rund acht Monaten in Untersuchungshaft sitzt. Bei einem Besuch fragte sie Fabians Vater Matthias R., ob er gegoogelt habe, „ob Schweine Menschen fressen" — eine Suchanfrage, die laut gesicherten Daten tatsächlich von ihrem Gerät stammt. Gina H. behauptete im Gespräch, gehackt worden zu sein; ein Sachverständiger hatte dies im Verfahren jedoch bereits widerlegt.
Staatsanwalt Oliver Schley fasste seine Einschätzung so zusammen:
„Aus Sicht der Staatsanwaltschaft tritt hier nochmal deutlich in den Vordergrund, dass Gina H. versucht hat, die jeweiligen Gesprächspartner zu manipulieren."

Die Angeklagte wartet im Gerichtssaal des Landgerichts Rostock auf die Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian, 18. Juni 2026. | Quelle: Getty Images
Selbst die Verteidigung räumt es ein
Verteidiger Thomas Löcker äußerte sich auffallend deutlich:
„Zunächst muss ich dem Staatsanwalt leider recht geben, dass sie hinsichtlich der Google-Anfrage wirklich versucht hat, Herrn R. zu manipulieren."
Auf Nachfrage des Richters stellte Löcker klar: Dies sei nur eine Verteidigererklärung — Gina H. selbst schließe sich dem nicht an und gebe ausdrücklich keine eigene Erklärung ab.

Anwalt Thomas Löcker wartet im Gerichtssaal des Landgerichts Rostock auf die Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian, 16. Juni 2026. | Quelle: Getty Images
Löcker beschrieb zudem ihren Zustand in den Monaten vor der Tat:
„Der Dr. hat sie, anders als andere Zeugen, im Umgang mit ihrem Sohn als fürsorglich und liebevoll beschrieben. Dem Jungen (Fabian, Anmerkung der Redaktion) gegenüber hat sie sich als verantwortlich zeigen wollen. Frau H. lehnt Gewalt kategorisch ab."

Die Angeklagte hält einen Ordner vor ihr Gesicht neben ihrem Anwalt Thomas Löcker im Gerichtssaal des Landgerichts Rostock, 18. Juni 2026. | Quelle: Getty Images
Wie geht es weiter?
Um 16:12 Uhr endete die Verhandlung für diesen Tag. Der Prozess ist bis zum 10. September terminiert und wird nach einer vierwöchigen Pause am 6. August 2026 fortgesetzt. Gina H. will sich laut ihrem Verteidiger im August zu den Vorwürfen äußern — ein Geständnis sei jedoch nicht zu erwarten. Bis zu einem möglichen Urteil gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.
Wir berichten über den Fall:
Der Mord am achtjährigen Fabian aus Güstrow erschütterte ganz Deutschland. Am 19. Verhandlungstag des Prozesses sagten nun weitere Zeugen aus. Dabei sagte vor dem Landgericht Rostock unter anderem der Psychotherapeut von Gina H. aus.
Während des Verhandlungstags am 9. Juli 2026 wurden mehrere Sprachnachrichten abgespielt. Diese stammten aus dem Zeitraum vom 12. bis 14. August 2025. Am 13. August hatte sich Fabians Vater (Matthias R.) von Gina H. getrennt. Unter anderem war darin von finanziellen Problemen die Rede. In einer sagte sie:
„Ich hab immer noch Schulden bei dir und weiß gerade nicht, wie ich das bezahlen soll. Ich bin finanziell am Arsch. Matthias hat sich heute getrennt, von jetzt auf gleich und ich hab nichts mehr. Weder Technik, ich hab ja nicht mal Freunde. Also einen Arsch voll Schulden und kein Geld. Ich hab jetzt nichts mehr.“

Die Angeklagte betritt am 9. Juli 2026 den Gerichtssaal | Quelle: Getty Images
Anschließend wurde der Psychotherapeut der Angeklagten als Zeuge vernommen. Der 57-Jährige aus Güstrow war seit dem 7. November 2017 ihr behandelnder Therapeut und wurde für seine Aussage von der Schweigepflicht entbunden. Zuvor sei Gina H. bereits anderweitig in Behandlung gewesen.
Vor Gericht beschrieb der Therapeut seine Patientin als an einer „komplexen Erkrankung“ leidend. Zunächst habe er sie tiefenpsychologisch behandeln und dabei insbesondere ihre Familiengeschichte aufarbeiten wollen. Später habe er den Schwerpunkt auf eine Verhaltenstherapie gelegt. „Es ging um aktuelle Konflikte familiärer Natur. Ein wichtiger Aspekt war auch die Arbeitsunfähigkeit“, erklärte der Zeuge.
Auf Nachfrage des Gerichts schilderte der Therapeut die Diagnosen, mit denen Gina H. bereits zu ihm gekommen sei. Dabei habe es sich um eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, eine soziale Phobie sowie Somatisierungstendenzen gehandelt. Letztere äußerten sich unter anderem durch Übelkeit, Erbrechen, Durchfall sowie Kopf- und Rückenschmerzen.

Die Angeklagte und Anwalt Andreas Ohm im Gerichtssaal | Quelle: Getty Images
Im weiteren Verlauf las der Therapeut aus der Patientenakte vor: „Sie erscheint acht Minuten vor der Zeit. Die Patientin ist offensichtlich schwanger. Die Gesichtszüge wirken etwas kindlich, unbeholfen, was durch die Zöpfe unterstrichen wird. Sie wirkt insgesamt reflektiert. Es zeigt sich aber ein Gefühl der inneren Leere und Überforderung.“
Seine eigene Diagnose habe eine rezidivierende depressive Störung sowie eine Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Anteilen und Abhängigkeiten umfasst. Ziel der Therapie sei es gewesen, Gina H. Halt im Alltag zu geben. Sie habe lernen sollen, Grenzen zu setzen und sich vor überfordernden Situationen zu schützen.
Auch das Verhältnis zu ihrem leiblichen Sohn beschrieb der Therapeut anhand seiner Aufzeichnungen als „recht gut“.
Die Beziehung zu Matthias R. sei nach Einschätzung des Therapeuten stabilisierend für Gina H. gewesen. Auf Nachfrage des Richters berichtete er zudem von Konflikten mit dessen Familie. Vor allem Matthias R.s Vater habe die Beziehung abgelehnt und Dinge gesagt wie: „Was ist aus dir geworden? Du kannst nicht mal ein Bier trinken.“

Die Angeklagte verdeckt am 9. Juli 2026 ihr Gesicht mit einer Akte | Quelle: Getty Images
Der Therapeut erklärte außerdem, dass Gina H. eine Behandlung mit Medikamenten abgelehnt habe. Der letzte Kontakt zu ihm habe am 4. November 2025 stattgefunden – zwei Tage vor Gina H.s Festnahme. Bereits am 17. Oktober 2025 habe sie ihn telefonisch kontaktiert, nachdem sie erfahren habe, dass sie beim Jugendamt angeschwärzt worden sei. Dort habe jemand behauptet, sie sei nicht in der Lage, sich um ihren Sohn zu kümmern.
Gina H. steht seit dem 27. April 2026 vor dem Landgericht Rostock wegen des gewaltsamen Todes des achtjährigen Fabian vor Gericht. Nach einer vierwöchigen Unterbrechung wird der Prozess am 6. August fortgesetzt.
19. Tag im Fabian-Prozess: Neue Details zur möglichen Tatwaffe
Seit Monaten stellt eine Frage die Ermittler vor ein Rätsel: Womit wurde der kleine Fabian getötet? Am 19. Verhandlungstag rückt ein unscheinbares Messer in den Mittelpunkt – und eine Zeugin schildert, wie die Angeklagte kurz nach der Tat wirkte.
Im Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow wurde am Donnerstag vor dem Landgericht Rostock weiter verhandelt. Erneut standen mehrere Zeugen im Fokus.

9. Juli 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Der Angeklagte (rechts) und Rechtsanwalt Andreas Ohm (links) sitzen im Gerichtssaal des Landgerichts Rostock vor der Wiederaufnahme des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Im Zentrum stand dabei eine der bislang größten offenen Fragen des gesamten Verfahrens: die nach der Tatwaffe.
Denn bis heute konnten die Ermittler kein Werkzeug eindeutig der schrecklichen Tat zuordnen. Der Junge war mit mehreren Messerstichen getötet worden, seine Leiche wurde anschließend verbrannt.
Nun aber richtet sich der Verdacht auf ein bestimmtes Messer – ein Campingmesser, das einem Nachbarn der Angeklagten Gina H. gehörte.

09. Juli 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Der Angeklagte betritt den Gerichtssaal des Landgerichts Rostock zur Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Der Nachbar, Olaf K., hatte das Messer zwischenzeitlich vermisst. Dann tauchte es plötzlich wieder auf. Und genau das macht den Fund so mysteriös.
Vor Gericht sagte der Polizist aus, der das Messer sichergestellt hatte. Olaf K. habe ihn zu seinem Schuppen gebeten und dort Einstichstellen an der Tür gezeigt. Das Messer, das dort sonst immer steckte, sei verschwunden gewesen.
Nur wenige Minuten später jedoch die überraschende Wendung: Olaf K. rief den Beamten zurück – das Messer sei wieder da.
Er habe es rein zufällig entdeckt, als er in einem Karton nach einem Stromprüfer suchte. Über die Sache habe er sich keinen Reim machen können.
Brisant: An dem Messer wurden später keinerlei Spuren gefunden – auffälligerweise nicht einmal DNA des Besitzers Olaf K. selbst.
Staatsanwalt Oliver Schley wies zudem darauf hin, dass das Messer nie gezielt auf die DNA von Olaf K. untersucht worden sei.
Die Verteidigung sieht darin einen Widerspruch. Wenn Olaf K. das Messer angefasst haben müsse, so Anwalt Thomas Löcker, passe das fehlende Spurenbild nicht zusammen.
Zugleich räumte die Verteidigung an diesem Tag Bemerkenswertes ein.
Anwalt Löcker gestand zu, dass Gina H. hinsichtlich einer Google-Anfrage tatsächlich versucht habe, Fabians Vater zu manipulieren. Auf diesen Punkt wolle man später zurückkommen.
Zugleich betonte er, seine Mandantin sei seit Jahren freiwillig in Behandlung und lehne Gewalt kategorisch ab. Ihr Psychotherapeut habe sie im Umgang mit ihrem eigenen Sohn als fürsorglich und liebevoll beschrieben.
Auch Verteidiger Andreas Ohm erklärte, es seien nie Anzeichen für körperliche Übergriffe gegenüber ihrem Sohn oder anderen bekannt geworden.
Neben dem Messer ging es an diesem Tag aber auch um die Frage, wie sich Gina H. unmittelbar nach Fabians Verschwinden verhielt.
Dazu sagte jene Kommissarin aus, die Gina H. am 11. Oktober – einen Tag nach dem Verschwinden des Jungen – befragt hatte. Ihre Schilderungen zeichnen ein vielschichtiges Bild.
Über die Aussagen von Gina H. berichtete die Zeugin:
„Sie hat gesagt, dass sie Fabian das letzte Mal in den Sommerferien gesehen haben will und sie einen siebenjährigen Sohn hat, mit dem er sich gut versteht. Ihr Ex-Freund habe seinen Sohn zwei Jahre nicht gesehen und sie würden sich jetzt wieder annähern."
Trotz mancher Ungereimtheiten habe die Angeklagte durchaus besorgt gewirkt. „Doch ich glaub schon, dass sie sich Sorgen gemacht hat. Es hörte sich schon so an", sagte die Kommissarin.
Zur Vorgeschichte der Familie hieß es in der Vernehmung: „Die Eltern haben sich 2018 wegen häuslicher Gewalt ausgehend vom Vater getrennt."
Besonders eindrücklich schilderte die Zeugin, wie Gina H. während der Befragung auf sie gewirkt habe. „Ruhig war sie. Sehr ruhig. Teilweise teilnahmslos."
Ganz anders sei das Bild am Nachmittag bei der Festnahme gewesen. Da sei die Angeklagte „emotional sehr aufgebracht" gewesen. Auf die Nachfrage des Richters, wie sich das gezeigt habe, antwortete die Kommissarin knapp: „Indem sie geweint hat."
Rund um das rätselhafte Messer bleibt derweil ein Satz von Olaf K. im Raum stehen: „Ich habe das Messer gefunden."
Für Gina H. gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Sie schweigt bislang zu den Vorwürfen. Nach einer mehrwöchigen Pause wird der Prozess am 6. August fortgesetzt.
Wie bereits berichtet:
Sonst berichten Polizeibeamte vor Gericht nüchtern und sachlich. Am 18. Verhandlungstag im Fall Fabian war das anders: Eine erfahrene Zeugin musste mitten in ihrer Aussage innehalten – überwältigt von dem, was sie am Fundort der Leiche erlebt hatte.
Im Mittelpunkt der Aussagen standen an diesem Tag vor allem die Umstände rund um den Fund von Fabians Leiche am 14. Oktober 2025 – und wie unterschiedlich die Angeklagte und die ermittelnden Beamtinnen mit dem Erlebten umgingen.

Der Gerichtssaal des Landgerichts Rostock mit dem Zeugentisch vor der Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian, 7. Juli 2026. | Quelle: Getty Images
Anruf bei der Polizei
Am Tag des Leichenfunds ging bei der Polizei ein Anruf ein: Eine Frau, die sich als Gina H. meldete, gab an, auf eine Kinderleiche gestoßen zu sein – möglicherweise handle es sich um den vermissten Fabian. Eine 43-jährige, erfahrene Beamtin fuhr gemeinsam mit einem Kollegen zum angegebenen Ort. Vor Ort wartete Gina H. bereits auf die beiden. Vor Gericht schilderte die Polizistin diese Begegnung so:
„Sie war sehr kooperativ und redselig. Ohne dass ich großartig nachgefragt habe, hat sie erzählt, dass sie mit einer Freundin spazieren war. Dass ihr Hund über ein Feld gelaufen ist."
Unaufgefordert lieferte Gina H. demnach gleich eine Erklärung dafür, warum ihre Spuren am Fundort zu finden waren. Auch dass sie den Jungen am Gesicht wiedererkannt habe, gab sie von sich aus an.

Taucher bereiten sich auf die Suche nach dem vermissten achtjährigen Fabian am Inselsee in Güstrow vor, 14. Oktober 2025. | Quelle: Getty Images
„Er wurde entsorgt wie Müll"
Mitten in ihrer Schilderung des Leichenanblicks stockte plötzlich die Stimme der Zeugin. Sie musste husten, entschuldigte sich kurz und unterbrach ihre Aussage für einen Moment. Eine bedrückende Stille legte sich über den Gerichtssaal.
„Das war auch eine herausfordernde Situation.Tut mir leid."
Als der Richter fragte, ob sie noch etwas ergänzen möchte, antwortete die Polizistin:
Der Mord am achtjährigen Fabian aus Güstrow erschütterte ganz Deutschland. Am 19. Verhandlungstag des Prozesses sagten nun weitere Zeugen aus. Dabei sagte vor dem Landgericht Rostock unter anderem der Psychotherapeut von Gina H. aus.
Während des Verhandlungstags am 9. Juli 2026 wurden mehrere Sprachnachrichten abgespielt. Diese stammten aus dem Zeitraum vom 12. bis 14. August 2025. Am 13. August hatte sich Fabians Vater (Matthias R.) von Gina H. getrennt. Unter anderem war darin von finanziellen Problemen die Rede. In einer sagte sie:
„Ich hab immer noch Schulden bei dir und weiß gerade nicht, wie ich das bezahlen soll. Ich bin finanziell am Arsch. Matthias hat sich heute getrennt, von jetzt auf gleich und ich hab nichts mehr. Weder Technik, ich hab ja nicht mal Freunde. Also einen Arsch voll Schulden und kein Geld. Ich hab jetzt nichts mehr.“

Die Angeklagte betritt am 9. Juli 2026 den Gerichtssaal | Quelle: Getty Images
Anschließend wurde der Psychotherapeut der Angeklagten als Zeuge vernommen. Der 57-Jährige aus Güstrow war seit dem 7. November 2017 ihr behandelnder Therapeut und wurde für seine Aussage von der Schweigepflicht entbunden. Zuvor sei Gina H. bereits anderweitig in Behandlung gewesen.
Vor Gericht beschrieb der Therapeut seine Patientin als an einer „komplexen Erkrankung“ leidend. Zunächst habe er sie tiefenpsychologisch behandeln und dabei insbesondere ihre Familiengeschichte aufarbeiten wollen. Später habe er den Schwerpunkt auf eine Verhaltenstherapie gelegt. „Es ging um aktuelle Konflikte familiärer Natur. Ein wichtiger Aspekt war auch die Arbeitsunfähigkeit“, erklärte der Zeuge.
Auf Nachfrage des Gerichts schilderte der Therapeut die Diagnosen, mit denen Gina H. bereits zu ihm gekommen sei. Dabei habe es sich um eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, eine soziale Phobie sowie Somatisierungstendenzen gehandelt. Letztere äußerten sich unter anderem durch Übelkeit, Erbrechen, Durchfall sowie Kopf- und Rückenschmerzen.

Die Angeklagte und Anwalt Andreas Ohm im Gerichtssaal | Quelle: Getty Images
Im weiteren Verlauf las der Therapeut aus der Patientenakte vor: „Sie erscheint acht Minuten vor der Zeit. Die Patientin ist offensichtlich schwanger. Die Gesichtszüge wirken etwas kindlich, unbeholfen, was durch die Zöpfe unterstrichen wird. Sie wirkt insgesamt reflektiert. Es zeigt sich aber ein Gefühl der inneren Leere und Überforderung.“
Seine eigene Diagnose habe eine rezidivierende depressive Störung sowie eine Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Anteilen und Abhängigkeiten umfasst. Ziel der Therapie sei es gewesen, Gina H. Halt im Alltag zu geben. Sie habe lernen sollen, Grenzen zu setzen und sich vor überfordernden Situationen zu schützen.
Auch das Verhältnis zu ihrem leiblichen Sohn beschrieb der Therapeut anhand seiner Aufzeichnungen als „recht gut“.
Die Beziehung zu Matthias R. sei nach Einschätzung des Therapeuten stabilisierend für Gina H. gewesen. Auf Nachfrage des Richters berichtete er zudem von Konflikten mit dessen Familie. Vor allem Matthias R.s Vater habe die Beziehung abgelehnt und Dinge gesagt wie: „Was ist aus dir geworden? Du kannst nicht mal ein Bier trinken.“

Die Angeklagte verdeckt am 9. Juli 2026 ihr Gesicht mit einer Akte | Quelle: Getty Images
Der Therapeut erklärte außerdem, dass Gina H. eine Behandlung mit Medikamenten abgelehnt habe. Der letzte Kontakt zu ihm habe am 4. November 2025 stattgefunden – zwei Tage vor Gina H.s Festnahme. Bereits am 17. Oktober 2025 habe sie ihn telefonisch kontaktiert, nachdem sie erfahren habe, dass sie beim Jugendamt angeschwärzt worden sei. Dort habe jemand behauptet, sie sei nicht in der Lage, sich um ihren Sohn zu kümmern.
Gina H. steht seit dem 27. April 2026 vor dem Landgericht Rostock wegen des gewaltsamen Todes des achtjährigen Fabian vor Gericht. Nach einer vierwöchigen Unterbrechung wird der Prozess am 6. August fortgesetzt.
19. Tag im Fabian-Prozess: Neue Details zur möglichen Tatwaffe
Seit Monaten stellt eine Frage die Ermittler vor ein Rätsel: Womit wurde der kleine Fabian getötet? Am 19. Verhandlungstag rückt ein unscheinbares Messer in den Mittelpunkt – und eine Zeugin schildert, wie die Angeklagte kurz nach der Tat wirkte.
Im Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow wurde am Donnerstag vor dem Landgericht Rostock weiter verhandelt. Erneut standen mehrere Zeugen im Fokus.

9. Juli 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Der Angeklagte (rechts) und Rechtsanwalt Andreas Ohm (links) sitzen im Gerichtssaal des Landgerichts Rostock vor der Wiederaufnahme des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Im Zentrum stand dabei eine der bislang größten offenen Fragen des gesamten Verfahrens: die nach der Tatwaffe.
Denn bis heute konnten die Ermittler kein Werkzeug eindeutig der schrecklichen Tat zuordnen. Der Junge war mit mehreren Messerstichen getötet worden, seine Leiche wurde anschließend verbrannt.
Nun aber richtet sich der Verdacht auf ein bestimmtes Messer – ein Campingmesser, das einem Nachbarn der Angeklagten Gina H. gehörte.

09. Juli 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Der Angeklagte betritt den Gerichtssaal des Landgerichts Rostock zur Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Der Nachbar, Olaf K., hatte das Messer zwischenzeitlich vermisst. Dann tauchte es plötzlich wieder auf. Und genau das macht den Fund so mysteriös.
Vor Gericht sagte der Polizist aus, der das Messer sichergestellt hatte. Olaf K. habe ihn zu seinem Schuppen gebeten und dort Einstichstellen an der Tür gezeigt. Das Messer, das dort sonst immer steckte, sei verschwunden gewesen.
Nur wenige Minuten später jedoch die überraschende Wendung: Olaf K. rief den Beamten zurück – das Messer sei wieder da.
Er habe es rein zufällig entdeckt, als er in einem Karton nach einem Stromprüfer suchte. Über die Sache habe er sich keinen Reim machen können.
Brisant: An dem Messer wurden später keinerlei Spuren gefunden – auffälligerweise nicht einmal DNA des Besitzers Olaf K. selbst.
Staatsanwalt Oliver Schley wies zudem darauf hin, dass das Messer nie gezielt auf die DNA von Olaf K. untersucht worden sei.
Die Verteidigung sieht darin einen Widerspruch. Wenn Olaf K. das Messer angefasst haben müsse, so Anwalt Thomas Löcker, passe das fehlende Spurenbild nicht zusammen.
Zugleich räumte die Verteidigung an diesem Tag Bemerkenswertes ein.
Anwalt Löcker gestand zu, dass Gina H. hinsichtlich einer Google-Anfrage tatsächlich versucht habe, Fabians Vater zu manipulieren. Auf diesen Punkt wolle man später zurückkommen.
Zugleich betonte er, seine Mandantin sei seit Jahren freiwillig in Behandlung und lehne Gewalt kategorisch ab. Ihr Psychotherapeut habe sie im Umgang mit ihrem eigenen Sohn als fürsorglich und liebevoll beschrieben.
Auch Verteidiger Andreas Ohm erklärte, es seien nie Anzeichen für körperliche Übergriffe gegenüber ihrem Sohn oder anderen bekannt geworden.
Neben dem Messer ging es an diesem Tag aber auch um die Frage, wie sich Gina H. unmittelbar nach Fabians Verschwinden verhielt.
Dazu sagte jene Kommissarin aus, die Gina H. am 11. Oktober – einen Tag nach dem Verschwinden des Jungen – befragt hatte. Ihre Schilderungen zeichnen ein vielschichtiges Bild.
Über die Aussagen von Gina H. berichtete die Zeugin:
„Sie hat gesagt, dass sie Fabian das letzte Mal in den Sommerferien gesehen haben will und sie einen siebenjährigen Sohn hat, mit dem er sich gut versteht. Ihr Ex-Freund habe seinen Sohn zwei Jahre nicht gesehen und sie würden sich jetzt wieder annähern."
Trotz mancher Ungereimtheiten habe die Angeklagte durchaus besorgt gewirkt. „Doch ich glaub schon, dass sie sich Sorgen gemacht hat. Es hörte sich schon so an", sagte die Kommissarin.
Zur Vorgeschichte der Familie hieß es in der Vernehmung: „Die Eltern haben sich 2018 wegen häuslicher Gewalt ausgehend vom Vater getrennt."
Besonders eindrücklich schilderte die Zeugin, wie Gina H. während der Befragung auf sie gewirkt habe. „Ruhig war sie. Sehr ruhig. Teilweise teilnahmslos."
Ganz anders sei das Bild am Nachmittag bei der Festnahme gewesen. Da sei die Angeklagte „emotional sehr aufgebracht" gewesen. Auf die Nachfrage des Richters, wie sich das gezeigt habe, antwortete die Kommissarin knapp: „Indem sie geweint hat."
Rund um das rätselhafte Messer bleibt derweil ein Satz von Olaf K. im Raum stehen: „Ich habe das Messer gefunden."
Für Gina H. gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Sie schweigt bislang zu den Vorwürfen. Nach einer mehrwöchigen Pause wird der Prozess am 6. August fortgesetzt.
Wie bereits berichtet:
Sonst berichten Polizeibeamte vor Gericht nüchtern und sachlich. Am 18. Verhandlungstag im Fall Fabian war das anders: Eine erfahrene Zeugin musste mitten in ihrer Aussage innehalten – überwältigt von dem, was sie am Fundort der Leiche erlebt hatte.
Im Mittelpunkt der Aussagen standen an diesem Tag vor allem die Umstände rund um den Fund von Fabians Leiche am 14. Oktober 2025 – und wie unterschiedlich die Angeklagte und die ermittelnden Beamtinnen mit dem Erlebten umgingen.

Der Gerichtssaal des Landgerichts Rostock mit dem Zeugentisch vor der Fortsetzung des Mordprozesses im Fall Fabian, 7. Juli 2026. | Quelle: Getty Images
Anruf bei der Polizei
Am Tag des Leichenfunds ging bei der Polizei ein Anruf ein: Eine Frau, die sich als Gina H. meldete, gab an, auf eine Kinderleiche gestoßen zu sein – möglicherweise handle es sich um den vermissten Fabian. Eine 43-jährige, erfahrene Beamtin fuhr gemeinsam mit einem Kollegen zum angegebenen Ort. Vor Ort wartete Gina H. bereits auf die beiden. Vor Gericht schilderte die Polizistin diese Begegnung so:
„Sie war sehr kooperativ und redselig. Ohne dass ich großartig nachgefragt habe, hat sie erzählt, dass sie mit einer Freundin spazieren war. Dass ihr Hund über ein Feld gelaufen ist."
Unaufgefordert lieferte Gina H. demnach gleich eine Erklärung dafür, warum ihre Spuren am Fundort zu finden waren. Auch dass sie den Jungen am Gesicht wiedererkannt habe, gab sie von sich aus an.

Taucher bereiten sich auf die Suche nach dem vermissten achtjährigen Fabian am Inselsee in Güstrow vor, 14. Oktober 2025. | Quelle: Getty Images
„Er wurde entsorgt wie Müll"
Mitten in ihrer Schilderung des Leichenanblicks stockte plötzlich die Stimme der Zeugin. Sie musste husten, entschuldigte sich kurz und unterbrach ihre Aussage für einen Moment. Eine bedrückende Stille legte sich über den Gerichtssaal.
„Das war auch eine herausfordernde Situation.Tut mir leid."
Als der Richter fragte, ob sie noch etwas ergänzen möchte, antwortete die Polizistin:
„Es ist nicht nur der Umstand, dass der Junge gewaltsam zu Tode gekommen ist. Entschuldigung, dass ich das so sage. Mein Eindruck war: Er wurde entsorgt wie Müll. Er wurde dort hingelegt, ihm wurde die letzte Würde, die Ehre genommen."

Kerzen, Blumen und Kuscheltiere vor der St.-Marien-Kirche in Güstrow zum Gedenken an den vermissten achtjährigen Fabian, 15. Oktober 2025. | Quelle: Getty Images
AmoMama.de unterstützt und fördert keine Formen von Gewalt, Selbstbeschädigung oder anderes gewalttätiges Verhalten. Wir machen unsere LeserInnen darauf aufmerksam, damit sich potentielle Opfer professionelle Beratung suchen und damit niemand zu Schaden kommt. AmoMama.de setzt sich gegen Gewalt, Selbstbeschädigung und gewalttätiges Verhalten ein, AmoMama.de plädiert deshalb für eine gesunde Diskussion über einzelne Fälle von Gewalt, Missbrauch, oder sexuelles Fehlverhalten, Tiermissbrauch usw. zum Wohl der Opfer. Wir ermutigen in diesem Sinne alle LeserInnen, jegliche kriminelle Vorfälle, die wider diesen Kodex stehen, zu melden.