
„Ich glaube an ihre Unschuld“: Fabians Vater hat seine Beziehung zu Gina H. bestätigt
Im Mordprozess um den Tod des achtjährigen Fabian aus Güstrow verschieben sich die Linien immer weiter. Was zunächst wie ein Verfahren mit klar verteilten Rollen wirkte – hier die angeklagte Ex-Partnerin des Vaters, dort die trauernden Eltern des Kindes – zeigt inzwischen ein sehr viel komplizierteres Bild.
Vor allem der dritte Verhandlungstag vor dem Landgericht Rostock hat deutlich gemacht, dass nicht nur die Ermittlungen selbst unter genauer Beobachtung stehen, sondern auch die Haltung des Vaters.

5. Mai 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Die Angeklagte wartet im Gerichtssaal des Amtsgerichts auf die Fortsetzung des Mordprozesses. | Quelle: Getty Images
Denn Matthias R. trat im Gericht nicht als Zeuge auf, der Distanz zur Angeklagten wahrt. Stattdessen erklärte er offen, dass er Gina H. nicht für die Täterin hält. Dazu kommt: Die persönliche Beziehung zwischen beiden besteht offenbar nicht nur fort, sie hat sich nach seiner Darstellung sogar wieder gefestigt. Damit bekommt der Prozess eine zusätzliche Spannung, die weit über die eigentliche Beweisaufnahme hinausreicht.
Gina H. ist angeklagt, Fabian am 10. Oktober 2025 heimtückisch getötet zu haben. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft soll sie den Jungen aus der Wohnung seiner Mutter gelockt, ihn bei Klein Upahl mit einem Messer getötet und den Leichnam anschließend angezündet haben. +
Als mögliches Motiv nimmt die Anklage an, dass sie glaubte, Fabian stehe einer Wiederannäherung an dessen Vater im Weg. Die Angeklagte schweigt vor Gericht. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt für sie die Unschuldsvermutung.

5. Mai 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Andreas Ohm (v. l. n. r.), Rechtsanwalt, und die Angeklagte warten im Gerichtssaal des Landgerichts auf die Fortsetzung des Mordprozesses. | Quelle: Getty Images
Gerade deshalb fällt die Aussage des Vaters nun so stark ins Gewicht. Vor Gericht sagte Matthias R.: „Ich glaube an ihre Unschuld“, solange ihm keine Beweise vorgelegt würden. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters bestätigte er zudem, dass er und Gina H. wieder ein Paar seien. Diese Entwicklung habe sich im Zusammenhang mit seinen Besuchen bei ihr in der Untersuchungshaft ergeben.
Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil Matthias R. im Oktober 2025 noch deutlich anders klang. Damals äußerte er mehrfach den Verdacht, Gina H. könne etwas mit dem Verschwinden und dem Tod seines Sohnes zu tun haben. Einer Polizistin soll er vor ihrem Wohnhaus zugerufen haben, er würde ihr „alles zutrauen“.
Vor Gericht erklärte er diese damalige Haltung nun mit seiner Verfassung unmittelbar nach dem Verbrechen. Er verriet:
„Ich war damals durch den Wind und außerdem angetrunken.“

Hauptsitz der Staatsanwaltschaft in Rostock. | Quelle: Getty Images
Auch einen direkten Chatkontakt sprach das Gericht an: Darin hatte er Gina H. gefragt: „Hast du was damit zu tun?“. Ihre Antwort lautete demnach knapp: „Spinnst du?“
Der dritte Verhandlungstag brachte darüber hinaus neue Ermittlungsdetails ans Licht, die den Fall weiter belasten. Nach Auswertungen wurde über den Nutzeraccount der Angeklagten bereits am Tag von Fabians Verschwinden frühzeitig nach Begriffen wie „Polizei“ und „Person vermisst“ gesucht – und zwar noch bevor Fabians Vater ihr überhaupt gesagt haben soll, dass sein Sohn verschwunden ist.
Am Tag danach wurde über denselben Account unter anderem nach der Frage gesucht: „fressen Wildschweine tote Menschen“. Zudem zeigte ein im Gericht vorgeführtes Überwachungsvideo den Wagen der Angeklagten innerhalb weniger Minuten zweimal in der Nähe von Fabians Wohnung.

06. November 2025, Mecklenburg-Vorpommern, Güstrow: Polizeiautos stehen vor einem Haus in Reimershagen. Nach zahlreichen Hinweisen in „Aktenzeichen XY“ durchsucht die Polizei erneut mehrere Grundstücke in Reimershagen und dem Nachbardorf Rum Koge | Quelle: Getty Images
Auch an anderer Stelle blieben Fragen offen. So soll Gina H. einem Bekannten schon vor ihrer Meldung bei der Polizei den Tümpel bei Klein Upahl genannt haben – also genau den Ort, an dem Fabians Leiche später gefunden wurde. Den Vater des Jungen informierte sie nach den vorliegenden Angaben dagegen nicht über dieses Wissen. Matthias R. verteidigte sie dennoch und erklärte, der betreffende Bekannte habe Gina H. bedroht.
Die Richter fragten mehrfach nach, warum er sie auf solche Punkte nicht direkter angesprochen habe. Überzeugend wirkte das nicht in jedem Moment. Doch seine Haltung blieb klar: Er steht wieder an ihrer Seite. Damit steht der Vater des getöteten Jungen inzwischen in scharfem Kontrast zur Mutter, die Gina H. offenbar für schuldig hält.
Wir berichteten über den Fall:
Der zweite Verhandlungstag im Mordfall Fabian war einer der emotionalsten seit Beginn des Prozesses. Mehr als sieben Stunden dauerte die Sitzung – und brachte Details ans Licht, die viele Anwesende erschütterten.
Der Tag begann mit der Zeugenaussage von Fabians Mutter Dorina L. An ihrer Seite saß ein Notfallseelsorger des Deutschen Roten Kreuzes. Mit leiser, immer wieder brechender Stimme schilderte sie, wie die Beziehung zwischen Fabian und seinem Vater Matthias R. mit der Zeit zerbrochen war.

28. April 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: In Handschellen wartet die Angeklagte im Gerichtssaal des Landgerichts auf den Beginn des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
„Ich möchte nicht mehr, ich will da nicht mehr hin", habe Fabian eines Tages gesagt. Dorina L. beschrieb ihren Sohn als liebevoll, zuverlässig und aufgeschlossen – einen Jungen, der immer für andere bedacht war.
Die Hintergründe offenbarte der Junge erst nach langem Schweigen. „Ich habe gesehen, wie Papa Gina gehauen hat", sei es aus ihm herausgebrochen. Danach brach Fabian den Kontakt zu seinem Vater ab. Dorina L. schilderte, wie sie versuchte, die Situation ruhig zu halten – für ihren Sohn, der immer liebevoller und zuverlässiger geworden war, aber manchmal nicht wusste, wohin mit seinen Gefühlen: „Er mochte immer kuscheln. Die Leute, denen er vertraute, hat er immer in die Arme geschlossen."

28. April 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Der leitende Staatsanwalt Harald Nowack wartet vor Beginn des Mordprozesses im Fall Fabian im Gerichtssaal des Landgerichts | Quelle: Getty Images
Mehrfach brach die Mutter während der Befragung in Tränen aus. Der Vorsitzende Richter unterbrach die Sitzung wiederholt, um ihr Zeit zu geben. „Ich habe da gesessen, geweint, hatte 10.000 Gedanken gleichzeitig. Mir ging es ganz doll schlecht", sagte sie über die Zeit nach dem Tod ihres Sohnes. „Ohne meine Freundinnen könnte ich hier heute nicht sitzen."
Am Nachmittag folgte dann der Auftritt von Fabians Vater – der für Fassungslosigkeit im Saal sorgte. Matthias R. schwärmte von der Angeklagten, machte unangebrachte Scherze und verstrickte sich in Widersprüche. Während der Befragung lächelte Gina H. ihn mehrfach an.
Doch das eigentlich Brisante des Tages waren weder seine Aussagen noch die Tränen der Mutter – sondern zwei digitale Dokumente, die das Gericht ins Zentrum rückte.

28. April 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Der leitende Staatsanwalt Harald Nowack blickt vor Beginn des Mordprozesses im Fall Fabian im Gerichtssaal des Landgerichts auf seine Uhr. | Quelle: Getty Images
Zunächst wurde eine Sprachnachricht von Gina H. an eine Bekannte abgespielt – aufgenommen zu einem Zeitpunkt, als Fabian noch als vermisst galt. Darin sprach sie über den Jungen in der Vergangenheitsform und behauptete, die Familienverhältnisse zu Hause seien schwierig gewesen, er habe „nicht einmal Mittagessen bekommen".
Er werde „seine Gründe gehabt haben, warum er weggelaufen ist", sagte sie. Sie „hoffe, dass er nicht mit jemandem mitgegangen ist." Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Gina H. zum Zeitpunkt dieser Aufnahme bereits wusste, was mit Fabian geschehen war.

28. April 2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Andreas Ohm (v. l. n. r.), Rechtsanwalt, der Angeklagte und Thomas Löcker, Rechtsanwalt, warten im Gerichtssaal des Landgerichts auf den Beginn des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Dann wurde eine Chatnachricht von Gina H. an Dorina L. aus dem April 2023 an die Wand projiziert. Darin schrieb Gina H., Matthias R. sei Fabian und auch ihr gegenüber aggressiv gewesen.
Dass Fabian seinen Vater nicht sehen wolle, könne sie nachvollziehen. R. drohe ihr, die Beziehung zu beenden, sollte sie sich weiter an Dorina L. wenden. In einer weiteren Nachricht beschrieb sie, auch ihr eigener Sohn habe Angst vor Matthias R. gehabt.
Nachrichten, die einst nach Fürsorge klangen – und heute in einem völlig anderen Licht erscheinen. Dass ausgerechnet diese Frau, die sich öffentlich um Fabian sorgte und Nachrichten mit seiner Mutter austauschte, nun wegen Mordes an ihm angeklagt ist, macht den Fall für viele Beobachter schwer fassbar. Am 5. Mai wird Matthias R. erneut als Zeuge gehört.
Wie bereits berichtet:
Am zweiten Verhandlungstag im Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow wurde vor dem Landgericht Rostock nicht nur weiter über Abläufe gesprochen. Es ging um Erinnerungen, um widersprüchliche Aussagen, um alte Spannungen – und um Bilder, die selbst im Gerichtssaal kaum auszuhalten waren. (Video)
Während am Vormittag Fabians Mutter Dorina L. als Nebenklägerin aussagte, stand am Nachmittag der Vater des Jungen im Mittelpunkt. Beide zeichneten ein Bild, das den Fall in mehreren Punkten weiter verdichtete, zugleich aber auch neue Fragen aufwarf.

Die Angeklagte wartet im Gerichtssaal des Landgerichts auf den Beginn des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Vernehmung der Mutter
Zunächst richtete sich der Blick auf den Tag vor Fabians Verschwinden und auf den 10. Oktober 2025 selbst. Seine Mutter verriet, dass ihr Sohn klare Regeln kannte. So habe Fabian nach ihren Angaben niemals allein die Tür öffnen dürfen, nicht einmal an die Gegensprechanlage sei er gegangen.
Gerade diese Aussage ist bedeutsam, weil die Anklage davon ausgeht, dass die Angeklagte Gina H. den Jungen aus der Wohnung gelockt haben soll, während seine Mutter bei der Arbeit war.
Auch über ihre Beziehung zum Vater des Jungen sprach die Mutter. Sie verriet, dass es in ihrer Beziehung damals bergab ging, nachdem Fabian 2017 zur Welt kam: „Ich habe die Beziehung beendet, weil ich mich absolut nicht mehr wohlgefühlt habe“.

Kerzen, Kuscheltiere und ein Schild mit der Aufschrift „In Trauer um Fabian“ stehen vor Beginn der Trauerfeier am Eingang der St.-Mary-Kirche, um Abschied vom achtjährigen Fabian zu nehmen. | Quelle: Getty Images
Er soll vermehrt Alkohol getrunken haben und Partys gefeiert haben. Auch im Wesen soll er sich sehr verändert haben, soll laut und aggressiv geworden sein, heißt es. Doch der Fokus ihrer Aussage richtete sich auf das Verschwinden ihres Sohnes.
Im Verlauf der Befragung rekonstruierte das Gericht den letzten bekannten Tagesablauf sehr genau. Er soll am Abend vor seinem Verschwinden einen Anruf bekommen haben. Mit wem er telefoniert habe, wisse die Mutter laut eigenen Angaben nicht. Nach dem Anruf jedoch ließ der Junge bereits verlauten, dass es ihm nicht gut gehe. Er soll gesagt haben:
„Mama, mir geht's nicht gut.“

Thomas Löcker (vorne, von links nach rechts), Rechtsanwalt, die Angeklagte und Andreas Ohm, Rechtsanwalt, warten im Gerichtssaal des Landgerichts auf den Beginn des Mordprozesses im Fall Fabian. | Quelle: Getty Images
Fabian habe sich am Morgen des 10. Oktober unwohl gefühlt und sei deshalb zu Hause geblieben. Sein Handy ließ er später in der Wohnung zurück – ein Umstand, der laut den Aussagen seiner Mutter untypisch gewesen sei.
Als sie am Nachmittag nach Hause gekommen sei, habe sie die Wohnung verschlossen vorgefunden, ihren Sohn aber nicht mehr angetroffen. Allerdings war ihr etwas Komisch vorgekommen – die Tür war nur einmal verschlossen:
„Meistens hat er zweimal abgeschlossen“

Vor Beginn der Trauerfeier stellen die Teilnehmer Kerzen und Andenken vor der St.-Marien-Kirche ab, nachdem die Leiche eines Kindes in einem Wald in der Nähe von Güstrow gefunden wurde. | Quelle: Getty Images
Zunächst habe sie ihn bei Freunden oder im Jugendklub vermutet, dann sei aus dem ersten Unbehagen ernste Sorge geworden: „Dann kam ein unruhiges Gefühl“. Kurz vor 20 Uhr meldete sie Fabian als vermisst.
Besonders belastend wurde der Vormittag, als der Vorsitzende Richter mehrere Fotos aus der Akte zeigen ließ. Zunächst ging es um Fabians blau-weiße Schuhe, die später nicht wieder aufgetaucht sind. Dann folgte ein weiterer Bildbeweis, den der Richter mit den Worten einleitete: „Ich muss Ihnen jetzt ein Foto zeigen, das schwer zu ertragen ist“. Zu sehen waren laut Bericht verkohlte Reste eines Pullovers. Fabians Mutter erkannte das Kleidungsstück schluchzend wieder.
Auch über das Verhältnis des Jungen zu seinem Vater und zur Angeklagten kamen neue Details ans Licht. Nach Darstellung der Mutter habe Fabian zunächst ein gutes Verhältnis zu Gina H. gehabt. Später jedoch habe sich etwas verändert. Irgendwann habe ihr Sohn nicht mehr zu seinem Vater gewollt. Schließlich habe Fabian gesagt: „Ich habe gesehen, wie Papa Gina gehauen hat“. Danach sei es zum Kontaktabbruch zwischen Vater und Sohn gekommen.
Am 14. Oktober, dem Tag, an dem die Leiche des Jungen gefunden wurde, war die trauernde Mutter mit einer Polizistin zusammen. Sie erinnerte sich ganz genau daran, wie sie vom Tod ihres Sohnes erfahren hatte. Die Polizistin erhielt einen Funkspruch und drehte sich zu der Mutter:
„Ich habe ihr ins Gesicht geguckt und angefangen, mit dem Kopf zu schütteln.“
Daraufhin soll die Polizistin erwidert haben: „Es wurde eine Kinderleiche gefunden. Zu 99,9 Prozent ist das Fabian.“
Vernehmung des Vaters
Am Nachmittag wurde Fabians Vater Matthias R. als Zeuge vernommen. Seine Aussage brachte an mehreren Stellen Spannungen in den Saal. Er schilderte die frühere Beziehung zu Gina H. insgesamt als „ganz gut“, räumte aber zugleich Konflikte ein. In mehreren Punkten wich seine heutige Darstellung von früheren Aussagen oder anderen Zeugenaussagen ab.
So bestritt er unter anderem, von einer Manipulation durch Gina H. überzeugt gewesen zu sein, obwohl entsprechende frühere Angaben und Chatnachrichten im Verfahren thematisiert wurden. Auch bei Fragen zu Eifersucht, Kontrolle und möglichen Übergriffen geriet er unter Druck.
Zusätzliche Brisanz bekam der Tag durch einen Hinweis auf ein mögliches Messer, das laut Aussage des Vaters über einen Bekannten in einem Mülleimer gefunden worden sein soll – rund 13 Kilometer vom Tatort entfernt. Die Tatwaffe wurde bislang nicht gefunden.
Der Verteidiger der Angeklagten griff diesen Punkt nach Prozessende scharf auf und warf der Staatsanwaltschaft vor, dem Hinweis nicht ausreichend nachgegangen zu sein. Daraus entwickelte sich ein offener Streit zwischen Verteidigung und Anklage.
Der zweite Verhandlungstag zeigte damit vor allem eines: Der Fall ist nicht nur von schwersten Vorwürfen geprägt, sondern auch von widersprüchlichen Wahrnehmungen innerhalb des familiären Umfelds. Während die Mutter des Jungen mit großer Klarheit und sichtbarer Erschütterung auftrat, hinterließ die Aussage des Vaters einen anderen Eindruck – komplexer, widersprüchlicher und für das Gericht offenbar noch nicht abgeschlossen. Seine Vernehmung soll am nächsten Prozesstag fortgesetzt werden.
Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt für Gina H. die Unschuldsvermutung.
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