
„Niemand hat uns informiert“: Der tragische Tod von Kazim Akbogas im Alter von 34 Jahren
Er brachte Millionen zum Lachen – mit drei Worten, die ganz Deutschland kannte. Doch hinter der fröhlichen Fassade verbarg sich ein Mensch, der still litt. Und als er starb, erfuhr seine Familie es tagelang nicht.
Kazim Akboga war kein Star im klassischen Sinne. Er war kein poliertes Fernsehprodukt, kein Schönling mit Autogrammkarten. Er war ein Werbetexter aus Berlin-Neukölln, ein Junge mit türkischen Wurzeln, einem schiefen Grinsen und einer Schlagfertigkeit, die sofort ins Herz traf. Und er war jemand, der mit drei Worten zum Internetphänomen wurde: „Is mir egal."
Geboren und aufgewachsen in Deutschland, entwickelte er schon früh eine Leidenschaft für Sprache, Humor und Musik. Nach seiner Ausbildung als Werbetexter begann er, eigene Songs zu schreiben – mal ironisch, mal selbstironisch, immer mit einem Augenzwinkern auf die Absurditäten des Alltags. Wer ihn einmal gehört hatte, vergaß ihn nicht so schnell.
Den großen Durchbruch versuchte er zunächst über die bekannteste Castingshow des Landes. Anfang 2015 trat er bei „Deutschland sucht den Superstar" auf und präsentierte seinen Song „Is mir egal" vor der Jury. Dieter Bohlen, Heino, Mandy Capristo und DJ Antoine zeigten sich wenig begeistert – das Publikum im Netz umso mehr. Das Lied wurde millionenfach geklickt und machte Akboga schlagartig bekannt.
Auf dem Höhepunkt seiner Popularität engagierten die Berliner Verkehrsbetriebe den Comedian für eine Werbekampagne. In BVG-Uniform spielte er einen lässig-toleranten Kontrolleur, der dem Berliner Großstadtleben seinen eigenen Stempel aufdrückte. Das Video wurde über 19 Millionen Mal angesehen – für viele war dieser Clip das Sinnbild eines neuen, bunten Berlin.
Sein Charme lag darin, dass er echt wirkte. Er spielte keine Rolle, er war einfach er selbst – schräg, direkt, warmherzig. Fans liebten ihn genau dafür, und die BVG hatte mit ihrer Wahl einen Nerv getroffen, der weit über Werbung hinausging. Der Clip machte deutlich, dass Humor eine Sprache ist, die alle verstehen – unabhängig von Herkunft oder Hintergrund.
Es folgten weitere Songs – „Deutschland is gute Land", „Angela Merkel, ich bin dein Ferkel", „Tanz den Akzeptanz". Auch 2016 versuchte er erneut sein Glück bei DSDS, doch auch dieser Versuch blieb ohne den erhofften Erfolg. Doch an den Durchbruch von „Is mir egal" reichte nichts mehr heran. Die Öffentlichkeit wartete auf das nächste große Ding – und Kazim Akboga verschwand langsam aus den Schlagzeilen. Hinter den Kulissen wurde es stiller. Und schwerer.
Was nur wenige wussten: Kazim Akboga kämpfte seit längerer Zeit mit psychischen Problemen. Er befand sich in klinischer Behandlung in einer Potsdamer Klinik. Wochen vor seinem Tod hatte er bereits einen Suizidversuch unternommen. Und trotzdem konnte er die Klinik verlassen, ohne dass jemand eingriff.
Rückblickend gab es Anzeichen, die viele erst später als solche erkannten. Am 28. Januar 2017 postete Kazim Akboga seinen letzten Facebook-Beitrag – ein 18-sekündiges Video mit dem Titel „Is doch klar". Er wirkte völlig durcheinander, sprach unzusammenhängend, kaum verständlich. Fans kommentierten besorgt, doch niemand wusste, wie ernst die Lage wirklich war.
Doch was folgte, machte den Schmerz für seine Familie noch schwerer. Vier Tage lang wussten seine Eltern nicht, dass ihr Sohn tot war. Erst als sein Vater Nihat Akboga zur Polizei ging, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben, erfuhr er die Wahrheit.
„Niemand hat uns informiert. Vier Tage lang. Erst als ich bei der Polizei eine Vermissten-Anzeige aufgeben wollte, sagte man uns, dass ein Toter mit dem Pass, der Sparkassen-Karte und einem Tattoo, das Kazim trug, gefunden worden ist. Warum dauerte es so lange, bis wir informiert worden sind? Die Sorge war quälend", sagte er gegenüber BILD.
Die Staatsanwaltschaft Brandenburg verwies auf das laufende Todesermittlungsverfahren. Ohne endgültige Identifizierung, so ein Sprecher, würde niemand die Familie informieren. Für Nihat Akboga war das keine Erklärung, die den Schmerz linderte – es waren vier Tage der Ungewissheit, die eine Familie zermürbten.
Noch drängender war für ihn eine andere Frage – die nach dem Warum. Sein Sohn war in Behandlung gewesen, hatte bereits einen Suizidversuch hinter sich. Und trotzdem konnte er die Klinik verlassen, ohne dass jemand eingriff.
„Ich verstehe auch nicht, wieso unser Sohn so einfach aus der Klinik kam. Er hatte versucht, sich vor vier Wochen umzubringen. Da kann er doch nicht so einfach aus dem Krankenhaus gehen, ohne dass es jemand merkt. Er hätte Hilfe gebraucht. Aber es war wohl niemand da", sagte er.
Und dann, mit gebrochener Stimme, der Satz, der alles zusammenfasste:
„Er hat mit seinen Depressionen so gelitten. Unsere Familie ist unendlich traurig. Er war ein liebevoller Junge. Mein einziger Sohn. Aber wir haben die Traurigkeit nicht von ihm fernhalten können. Es ist ein hilfloses Gefühl, wenn du als Eltern machtlos bist."
Es sind Worte eines Vaters, der sich fragt, ob er mehr hätte tun können. Worte, die zeigen, wie hilflos selbst die nächsten Menschen sein können, wenn jemand so tief in einem Dunkel steckt, das er niemandem zeigt. Und Worte, die auch eine Frage an das System stellen – an Kliniken, Ärzte, Strukturen, die Menschen in solchen Momenten auffangen sollten.
Kurz vor seinem Tod hatte Kazim Akboga noch an einem Buch gearbeitet – als würde er ein letztes Mal seine Welt auf Papier festhalten wollen. „Zebra ist schwarz und weiß – und trotzdem glücklich" erschien posthum im März 2017. Einen Tag vor seinem Tod hatte er das Cover beim Verlag noch selbst freigegeben.
Das Buch enthielt kindliche Zeichnungen mit kurzen, mal witzigen, mal nachdenklichen Texten. Ein stiller Blick in eine Seele, die nach Leichtigkeit suchte – und sie doch nicht finden konnte. Die Familie wünschte sich ausdrücklich, dass es trotz seines Todes erscheint. Er hatte lange davon geträumt.
Am 9. Februar 2017 nahm sich Kazim Akboga das Leben. Er wurde von einem Zug überfahren. Er war 34 Jahre alt. Sein Management veröffentlichte die Nachricht auf seiner Facebook-Seite: „Kazim lebt nicht mehr." Weiter hieß es:
„Wir sind sehr traurig, da wir mit ihm einen lieben Mitmenschen und einen begabten, sehr intelligenten und hochsensiblen Künstler verloren haben."
Die BVG reagierte erschüttert. „Wir haben Kazim als kreativen und humorvollen Menschen kennen und schätzen gelernt. Als einen, der einfach zu uns und unserer Stadt passte", sagte BVG-Chefin Sigrid Nikutta. Über 19 Millionen Menschen hatten das Video gesehen, das ihn berühmt gemacht hatte.
Kazim Akboga wurde auf eigenen Wunsch in seiner Heimatstadt Schweinfurt bestattet. Er hinterließ Eltern, eine Schwester – und ein Lied, das bis heute gespielt wird. Drei Worte. Und eine Geschichte dahinter, die zeigt, wie wenig wir manchmal von denen wissen, die uns zum Lachen bringen. Menschen, die nach außen stark wirken, tragen manchmal das schwerste Gewicht. Kazims Tod ist eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, genauer hinzusehen – und zu fragen, wie es jemandem wirklich geht.
Wenn du oder jemand, den du kennst Suizid-Gedanken hat, wende dich bitte an die Telefon-Seelsorge, die sich verstärkt mit der Suizidprävention beschäftigt. Die Hotline ist 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr erreichbar. Diese erreicht man per Chat oder unter den Nummern: 0800 / 111 0 111, 0800 / 111 0 222 oder unter 116 123.
