
Mehrere ICE-Züge mitten in der Nacht evakuiert – Grund

Es sollte eine ganz gewöhnliche Nachtfahrt werden – bis plötzlich gar nichts mehr ging. Aus einer Zugfahrt wurde eine Nacht, die Hunderte Menschen so schnell nicht vergessen werden.
Ein einziger Moment reichte, um alles zum Stillstand zu bringen. Ein lauter Knall, ein Ruck, dann Dunkelheit. Kein Strom, keine Klimaanlage, keine Auskunft. Nur die bange Frage, die sich von Waggon zu Waggon fortsetzte: Wie lange werden wir hier festsitzen?

Bauarbeiten am Schienennetz der Deutschen Bahn | Quelle: Getty Images
Was in dieser Nacht über Nordrhein-Westfalen hereinbrach, traf ausgerechnet dort, wo Tausende Menschen jeden Tag darauf vertrauen, sicher ans Ziel zu kommen – auf den Schienen.
Ein heftiges Unwetter zog mit Sturmböen, Starkregen und Gewitter über das Land. Gleich an mehreren Orten kippten Bäume auf die Oberleitungen. Züge blieben stehen, Menschen saßen fest, Rettungskräfte rückten aus.
Und mittendrin: Fahrgäste, die im Dunkeln ausharren mussten, ohne zu wissen, wann es weitergeht.

Fahrgäste am Hauptbahnhof am 19. Juli 2024 in Berlin, Deutschland | Quelle: Getty Images
Am härtesten aber traf es die Reisenden nahe Schwelm. Dort begann eine Nacht, die sich für 132 Menschen quälend in die Länge ziehen sollte.
Gegen 22.50 Uhr war der ICE 512 auf dem Weg von München in Richtung Münster, als infolge des Unwetters ein Baum umstürzte und direkt in die Oberleitung fiel. Es kam zu einem Kurzschluss – und der Baum fing Feuer.
Der Lokführer brachte den Zug gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Doch was folgte, war für die Fahrgäste kaum auszuhalten.

ICE-Züge am Hauptbahnhof in München, Deutschland | Quelle: Getty Images
Eine Evakuierung im Dunkeln wäre viel zu gefährlich gewesen. Also hieß es warten. Und warten.
Die Strecke zwischen Hagen und Köln war komplett gesperrt, erst um 3.35 Uhr wieder passierbar. Rund vier Stunden und 45 Minuten mussten die Menschen ausharren – ohne Strom, ohne Klimaanlage, mitten in der Nacht auf freier Strecke.
Und selbst als es endlich weitergehen konnte, brauchte es einen ungewöhnlichen Helfer. Weil der Streckenabschnitt inzwischen stromlos war, musste laut einem Feuerwehrsprecher eine Diesellok anrücken.

Ein InterCity-Express (ICE) aus Deutschland | Quelle: Getty Images
Mitarbeiter der Deutschen Bahn entfernten in der Nacht den Baum, dann zog die Lok den ICE über den betroffenen Abschnitt. Erst danach konnte der Zug aus eigener Kraft weiterfahren.
Doch Schwelm war längst nicht der einzige Schauplatz dieser Nacht. Fast zeitgleich schlug das Unwetter rund 100 Kilometer weiter westlich zu, bei Mönchengladbach.

Fahrgäste der Deutschen Bahn warten am 18. Oktober 2007 am Berliner Hauptbahnhof auf einen ICE. | Quelle: Getty Images
Im Ortsteil Herrath kippte ein Baum auf die Bahnstrecke und riss die Oberleitung nieder. Gleich zwei Regionalzüge konnten nicht mehr weiterfahren.
Allein in einem der beiden saßen rund 250 Fahrgäste – wie viele es im zweiten waren, war zunächst unklar. Hier entschieden sich die Einsatzkräfte für eine Evakuierung.
Gemeinsam mit der Deutschen Bahn und der Bundespolizei holte die Feuerwehr die Menschen aus den Zügen. Anschließend brachten Busse alle Gestrandeten zu ihren Zielorten.
Wie groß die Sorge um die Fahrgäste war, zeigt das Aufgebot vor Ort. Neben mehreren Einheiten der Berufsfeuerwehr waren freiwillige Kräfte aus dem gesamten Stadtgebiet im Einsatz.
ASB, DRK und Johanniter-Unfall-Hilfe unterstützten mit Rettungswagen, einer Versorgungseinheit und zwei Bussen, sogar ein Notfallseelsorger war vor Ort. Insgesamt kümmerten sich rund 170 Helferinnen und Helfer um die Reisenden.
Und als glaubte man, die Nacht könne kaum schlimmer werden, meldete sich ein dritter Ort. Zwischen Dortmund Kruckel und dem Dortmunder Hauptbahnhof stürzte gegen 0.30 Uhr ebenfalls ein Baum auf die Gleise und beschädigte beide Oberleitungen.
Diesmal blieb keine Zeit mehr zum Bremsen. Trotz sofort eingeleiteter Notbremsung konnte der Lokführer in der Dunkelheit nicht mehr ausweichen.
Der Zug kam erst rund 200 Meter nach der Kollisionsstelle zum Stehen – so schwer beschädigt, dass an eine Weiterfahrt nicht zu denken war. Dass hier alle 52 Fahrgäste und der Triebfahrzeugführer unverletzt blieben, grenzt fast an ein Wunder. Gerettet werden mussten sie trotzdem.
Erst nachdem der Notfallmanager der Bahn die beschädigten Oberleitungen geerdet hatte, durften die Retter überhaupt handeln. Mit Bodenscheinwerfern und einer Drehleiter leuchtete die Feuerwehr rund 300 Meter Gleis aus.
Über Leitern führten die Einsatzkräfte die Passagiere aus den Waggons und geleiteten sie durch das Gleisbett bis zum nächsten Bahnübergang. Am Ende dieser langen Nacht bleibt eine Erkenntnis, die vieles erträglicher macht:

4. August 2026, Nordrhein-Westfalen, Schwelm: Ein ICE-Zug steht nach einer Beschädigung der Oberleitung unter einer Brücke in Schwelm | Quelle: Getty Images
Verletzt wurde an keinem der drei Orte auch nur ein einziger Mensch.
Für die Fahrgäste aber sind die Folgen noch längst nicht vorbei. Denn wann die Oberleitungen vollständig repariert sind, ist laut dem Portal „Zuginfo.nrw" weiterhin offen.
Für die Linie RE 4 gibt es immerhin einen Schienenersatzverkehr zwischen dem Mönchengladbacher Hauptbahnhof und Aachen. Für viele andere Verbindungen wie RE 1, RE 9, RE 18, RB 20 und RB 33 gibt es dagegen keine einheitlichen Regelungen.
Wer in den kommenden Tagen unterwegs ist, sollte deshalb die Anzeigetafeln an den Bahnsteigen im Blick behalten und seine Verbindung vorab online prüfen.
Denn eine solche Nacht, da dürften sich die Betroffenen einig sein, möchte niemand ein zweites Mal erleben.