
Wende im Fall Stade: Der mutmaßliche Sechsfach-Killer wird tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden – was geschah?
21. Juli 2026

Bärbel Bas hat sich erstmals ausführlich zu ihrem Rücktritt als Bundesarbeitsministerin und SPD-Vorsitzende geäußert. In einem Interview spricht die 58-Jährige ungewöhnlich offen über ihre persönliche Trauer, ihre Erschöpfung und die politischen Konflikte innerhalb der Regierungskoalition.
Dabei spart sie weder an Kritik an Bundeskanzler Friedrich Merz noch an ihrer eigenen Partei. Besonders deutlich wird, wie sehr sie sich in einer ohnehin schwierigen Lebensphase mehr Unterstützung gewünscht hätte. Denn während sie privat einen schweren Verlust verarbeiten musste, geriet sie auch politisch zunehmend unter Druck.
Am 12. Oktober 2026 trat Bärbel Bas von ihren Ämtern als Bundesarbeits- und Sozialministerin sowie als SPD-Vorsitzende zurück. Für viele kam dieser Schritt überraschend. In ihrem ersten ausführlichen Interview nach dem Rückzug erklärt sie nun, wie sehr die vergangenen Wochen sie persönlich und politisch belastet haben.
Eine zentrale Rolle spielte dabei der Tod ihrer Stieftochter Ende September. Die Frau war vier Jahre jünger als Bas selbst. Beide hätten über viele Jahre eine sehr enge Beziehung gehabt. Bas begleitete sie während ihrer letzten Lebensphase im Hospiz. Diese Zeit habe ihr viel Kraft genommen.
„Ich hatte den Kopf nicht frei für Dienstliches, für Politisches“, schildert die Politikerin im Gespräch mit Markus Feldenkirchen für die ARD-Sendung „Konfrontation“. Sie habe gewusst, dass sie mehr Zeit brauche und nicht einfach nach kurzer Unterbrechung wieder in ihren beruflichen Alltag zurückkehren könne.

Bärbel Bas am 22. September 2026 | Quelle: Getty Images
Wie tief sie der Verlust getroffen hat, beschreibt sie mit einem besonders eindringlichen Satz: „Es ist schon manchmal schwer, morgens überhaupt aufzustehen, wenn man sich fragt: Wofür?“ Im Laufe des Septembers habe sie zunehmend gemerkt, dass ihr die Kraft ausgehe. Für sie selbst sei der spätere Rücktritt deshalb nicht ganz so überraschend gewesen, wie es für Außenstehende gewirkt habe.
Der Tod ihrer Stieftochter war nicht der erste schwere Verlust, den Bärbel Bas verkraften musste. Bereits 2020 starb ihr Ehemann Siegfried Ambrosius im Alter von 79 Jahren. Die beiden waren rund 15 Jahre ein Paar und fünf Jahre verheiratet.
Wie sehr sie der Verlust ihres Mannes bis heute begleitet, erzählte Bas auch in einem früheren Interview. Eine Erinnerung an ihn hat sie bis heute nicht losgelassen: Seine Jacke hängt noch immer an ihrer Garderobe. Weggeräumt habe sie das Kleidungsstück nicht. Stattdessen spreche sie manchmal sogar kurz mit der Jacke, wenn sie nach Hause komme.
„Du kommst nach Hause und hast eigentlich was auch immer erlebt … Dann erzähle ich das halt der Jacke kurz“, schilderte sie. Auf die Nachfrage, ob sie tatsächlich mit der Jacke spreche, antwortete sie: „Ja, kurz.“ Sie erzähle ihr dann beispielsweise, wie ihr Tag gewesen sei oder wer sie wieder schlecht behandelt habe. „Und dann ist das weg“, erklärte Bas. Mit einem Lächeln fügte sie hinzu: „Ein bisschen spooky, aber es hilft.“
Die persönliche Geschichte zeigt, wie präsent die Erinnerung an ihren Mann auch Jahre nach seinem Tod geblieben ist. Nun musste Bas erneut einen geliebten Menschen verlieren. Die Begleitung ihrer Stieftochter während der letzten Lebensphase und die anschließende Trauer belasteten sie nach eigenen Worten so sehr, dass sie ihre politischen Aufgaben nicht mehr wie gewohnt erfüllen konnte.
Neben dem persönlichen Verlust belasteten Bas auch die politischen Auseinandersetzungen innerhalb der Regierungskoalition. Besonders die wiederholten Angriffe aus der Union hätten sie getroffen. Mehrere Unionspolitiker hatten ihr vorgeworfen, ihre Arbeit nicht ausreichend zu erledigen. Im Zentrum der Kritik stand dabei vor allem die ausstehende Rentenreform.
Bas macht deutlich, dass sie diese Vorwürfe für unfair hielt. Die zeitliche Planung sei schließlich innerhalb der Koalition abgestimmt gewesen. Die Spitzen der Regierungsparteien einschließlich Kanzler Friedrich Merz hätten vereinbart, den Entwurf für die Rentenreform erst nach den Landtagswahlen Ende September vorzulegen.
„Das war die Absprache“, betont Bas. Allen Beteiligten sei klar gewesen, dass das entsprechende Paket im Oktober kommen sollte. Trotzdem sei ihr immer wieder vorgeworfen worden, sie lege nichts vor und hätte die Reform bereits im Sommer präsentieren müssen.

Friedrich Merz während er sich am 30. Oktober 2026 öffentlich äußert | Quelle: Getty Images
Die Angriffe seien für sie irgendwann nicht mehr hinnehmbar gewesen. „Es gab ja auch immer vonseiten der verschiedenen Unionskollegen diese Angriffe, ich würde meine Arbeit nicht machen“, sagt sie rückblickend. Dem Kanzler habe sie deutlich gemacht: „Das werde ich mir auch nicht mehr lange gefallen lassen.“
Dabei habe Merz von ihrer privaten Situation gewusst. Er habe ihr signalisiert, dass sie sich die Zeit nehmen solle, die sie brauche. Bas habe sich bei ihm zudem über die Angriffe aus den Reihen der CDU beschwert. Seine Reaktion: „Er hat mir auch versichert, er kümmert sich. Es hat aber keinen Anklang gefunden.“
Gerade dieser Gegensatz dürfte für Bas besonders enttäuschend gewesen sein: Einerseits habe der Kanzler Verständnis für ihre persönliche Situation signalisiert, andererseits hätten die öffentlichen Angriffe aus seiner Partei nicht aufgehört.
Besonders deutlich wird Bas bei ihrer Kritik an CDU-Politiker Christian von Stetten (56). Dieser hatte öffentlich ihren Rücktritt gefordert. Für die ehemalige Ministerin war das ein Verhalten, das sich mit der Zusammenarbeit innerhalb einer Regierungskoalition nicht vereinbaren lasse.
„Sowas sagt man nicht als Koalitionspartner über eine eigene Ministerin“, stellt sie klar. Sie sieht hinter den wiederholten Vorwürfen gegen ihre Arbeit mehr als einzelne kritische Äußerungen. Ihr Vorwurf lautet: „Da wurde eine Kampagne gefahren, die am Ende heißt: Die SPD blockiert.“

Christian von Stetten im Oktober 2013 | Quelle: Getty Images
Allerdings stellt Bas auch klar, dass die Angriffe aus der Union nicht allein ausschlaggebend für ihren Rücktritt gewesen seien. Auf die Frage, ob sie auch ohne die öffentliche Kritik des Koalitionspartners zurückgetreten wäre, antwortet sie, dass dies aus persönlichen Gründen „wahrscheinlich“ der Fall gewesen wäre.
Der Verlust ihrer Stieftochter und die damit verbundene Belastung hätten also unabhängig von den politischen Auseinandersetzungen eine entscheidende Rolle gespielt. Die Angriffe aus der CDU verschärften die Situation jedoch zusätzlich.
Besonders bitter ist für Bas offenbar, dass sie nicht nur von der Union zu wenig Unterstützung bekam. Auch innerhalb ihrer eigenen Partei habe sie sich mehr Rückhalt gewünscht. „Auch aus meiner Partei hätte ich mir manchmal mehr Unterstützung gewünscht“, sagt sie im Interview. Die Kritik aus den eigenen Reihen habe bereits während der Sommerpause begonnen.
Für Bas dürfte gerade die fehlende Geschlossenheit schwer gewogen haben. Während sie sich mit Angriffen des Koalitionspartners auseinandersetzen musste, konnte sie offenbar auch in der eigenen Partei nicht auf die Unterstützung zählen, die sie sich gewünscht hätte. Statt gemeinsam aufzutreten, wurde sie nach ihrer Darstellung auch aus den eigenen Reihen kritisiert.
Dass sie sich dadurch zunehmend allein gelassen fühlte, passt zu ihrer grundsätzlichen Beschreibung des politischen Betriebs. Im Interview spricht sie von einem Mangel an Menschlichkeit und einer Art Schweigekultur. Viele wollten sich in der Politik keine Schwäche anmerken lassen. Selbst wenn Menschen länger krank seien oder persönlich schwere Zeiten durchmachten, werde darüber kaum gesprochen.
Bas habe gewusst, dass sie deutlich mehr Zeit brauche, als ihr in ihren Ämtern zur Verfügung stand. „Ich wusste, ich brauche länger, ich kann nicht sofort wieder zurück.“ Deshalb habe sie schließlich einen Schlussstrich ziehen müssen. Das politische Geschäft gehe schließlich weiter, und sie habe Platz für jemanden machen müssen, der die notwendige Kraft und Energie mitbringe.
Ihr Rücktritt als Arbeitsministerin und SPD-Vorsitzende bedeutet nicht, dass sich Bas vollständig aus der Politik zurückziehen möchte. Sie will weiterhin als Bundestagsabgeordnete für ihren Wahlkreis Duisburg tätig sein. Ihrer Heimatstadt fühlt sie sich eng verbunden.
Schon in ihrer Rücktrittserklärung hatte sie deutlich gemacht, dass sie ihren Schritt nicht als endgültigen Abschied versteht. „Heute endet für mich ein Kapitel, aber nicht die Geschichte“, so Bas. Sie hoffe, ihre Arbeit bald wieder mit voller Kraft aufnehmen zu können.
Damit setzt sie ein Zeichen: Zunächst möchte sie sich die Zeit nehmen, die sie für ihre Trauer benötigt. Ihre politische Zukunft sieht sie dennoch nicht als beendet an.
Das Interview zeichnet das Bild einer Politikerin, die ihren Rücktritt nicht auf einen einzigen Auslöser zurückführt. Der Tod ihrer Stieftochter hatte ihr die Kraft genommen, die sie für ihre Ämter gebraucht hätte. Auch der frühere Verlust ihres Mannes zeigt, wie sehr persönliche Trauer zu ihrem Leben gehört. Die anhaltenden Angriffe aus der Union und die fehlende Rückendeckung aus der eigenen Partei verschärften die Situation zusätzlich.
Bärbel Bas macht deutlich, dass sie sich in dieser Phase mehr Verständnis und Unterstützung gewünscht hätte. Dass sie diese nach eigener Einschätzung weder vom Koalitionspartner noch ausreichend aus den eigenen Reihen bekam, erklärt, warum sie am Ende auch von einem Verlust des Vertrauens spricht.
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