
Mario Adorfs letztes Interview vor seinem Tod: Die Wahrheit über seine Kindheit, seine Tochter und wo er begraben werden möchte
Es ist ein Gespräch, das im Rückblick ein besonderes Gewicht bekommt. Mario Adorf sitzt in Saint-Tropez, blickt auf das Hafenstädtchen an der Côte d’Azur und spricht mit bemerkenswerter Ruhe über das Alter, über Erinnerungen, über seine Herkunft und über die Frage, was am Ende eines langen Lebens bleibt.
Wenige Monate später ist der Schauspieler tot. Am 9. April 2026 wurde bekannt, dass Adorf im Alter von 95 Jahren nach kurzer Krankheit in seiner Wohnung in Paris gestorben ist.

Mario Adorf bei der „Cinema For Peace“-Gala im Rahmen der 74. Internationalen Filmfestspiele Berlin im Westhafen Event & Convention Center am 19. Februar 2024 in Berlin | Quelle: Getty Images
Gerade deshalb wirkt dieses Interview heute nicht nur wie eine Bilanz, sondern wie ein sehr persönlicher Abschiedston. Denn Adorf sprach darin nicht in großen Gesten, sondern mit Klarheit, Ironie und einem fast überraschend nüchternen Blick auf sein Leben.

Julius Adorf und Stella Adorf auf der Bühne bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises „Lola“ im Palais am Funkturm am 1. Oktober 2021 in Berlin | Quelle: Getty Images
Der Mann, der über Jahrzehnte zu den markantesten Gesichtern des deutschen Films zählte, wirkte darin nicht wie eine Legende, die sich selbst verklärt, sondern wie jemand, der seinen Weg präzise einordnet – mit allem Glanz, aber auch mit den Brüchen, die ihn geprägt haben.
Zum Zeitpunkt des Gesprächs verbrachte Adorf die heißen Wochen des Jahres mit seiner Frau Monique Faye im Süden Frankreichs. Dort feierte er auch seinen 95. Geburtstag, allerdings ohne große Inszenierung.

Der Schauspieler Mario Adorf und seine Frau Monique nehmen an der „Cinema for Peace“-Gala in Berlin im Westhafen Event & Convention Center (WECC) teil. | Quelle: Getty Images
Statt eines rauschenden Fests bevorzugte er ein stilles Abendessen im kleinen Kreis. Schon daran zeigte sich seine Haltung: keine Lust auf Pathos, kein Drang zur Selbstfeier, eher eine abgeklärte Distanz zu allem, was bloß symbolisch wirkt.
Auch über das Altwerden sprach er offen:

Julius Adorf, Mario Adorf und Stella Adorf nehmen am 28. September 2021 in Berlin an der Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preises in der Astor Film Lounge teil | Quelle: Getty Images
„Wahrscheinlich [geht es mir] für einen 95-Jährigen relativ gut. Aber ich springe nicht umher und juble über mein Alter. Ich habe auch keinen Ehrgeiz, noch älter zu werden. Mein Professor an der Uni in Mainz saß mit 100 im Rollstuhl. Damals dachte ich mir: Nein, das möchte ich nicht. So alt will ich nicht werden.“
Einen Vorteil des Alters mochte er nicht erkennen. Trotzdem klang er nicht verbittert. Vielmehr wirkte es, als habe er sich mit dieser letzten Lebensphase arrangiert.

Der Schauspieler Mario Adorf sitzt vor der Matinee der technisch überarbeiteten 4K-Fassung von „Winnetou I“ im Café des Arri-Kinos | Quelle: Getty Images
Kindheit und Jugend
Von dort aus führte das Gespräch zurück an die Anfänge – in eine Kindheit, die weit weniger glamourös war als das spätere Leben vor Kameras und auf Bühnen. Mario Adorf wurde 1930 in Zürich geboren, als Sohn der deutschen Röntgenassistentin Alice Adorf und des italienischen Arztes Matteo Menniti.
Aufgewachsen ist er später in Mayen in der Eifel. Sein Vater spielte in seinem Leben kaum eine Rolle. Im Interview erzählte Adorf, dass er ihn nur ein einziges Mal getroffen habe:

Mario Adorf, seine Frau Monique Faye und ihre Tochter Stella Adorf bei der Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preises 2020 im Kino Babylon am 29. Januar 2020 in Berlin | Quelle: Getty Images
„Er stand nicht als mein Vater in der Geburtsurkunde und bezahlte auch keinen Unterhalt für mich. Aber nicht mein Vater, sondern meine Mutter wollte das nicht. Sie arbeitete nach meiner Geburt als Näherin und Schneiderin. Ich traf meinen Vater nur ein einziges Mal. Da war ich Student. Es waren zehn Minuten. Wir unterhielten uns mithilfe einiger lateinischer Brocken, weil er nur Italienisch sprach.“

Der Schauspieler Mario Adorf sitzt vor der Matinee der technisch überarbeiteten 4K-Fassung von „Winnetou I“ im Café des Arri-Kinos. | Quelle: Getty Images
Finanziell war die Situation in seiner Kindheit schwierig. Seine Mutter zog ihn allein groß, arbeitete als Näherin und Schneiderin, und weil das Geld knapp war, verbrachte er einen Teil seiner Jugend im Waisenhaus.
Die Nonnen dort seien streng gewesen, sagte Adorf, mit täglicher Messe und festen Regeln. Doch obwohl er katholisch aufwuchs, sei der Glaube nie wirklich auf ihn übergesprungen. Gerade diese Episode gehört zu jenen Passagen des Gesprächs, in denen deutlich wird, wie sehr Adorf sein Leben aus eigener Kraft formen musste.

Lis Verhoeven mit Tochter Stella Adorf (re.), Ausstellung in den Kammerspielen in München | Quelle: Getty Images
Später wurde daraus eine außergewöhnliche Karriere. Seinen ersten Kinoauftritt hatte er 1954 in „08/15“, der große Durchbruch gelang ihm 1957 mit „Nachts, wenn der Teufel kam“. Es folgten mehr als 200 Film- und Fernsehproduktionen, darunter Rollen in „Winnetou“, „Kir Royal“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die Blechtrommel“ und vielen weiteren Werken.

Die Schauspieler Mario Adorf (links) und Uschi Glas stehen auf dem roten Teppich bei der Matinee der technisch überarbeiteten 4K-Version von „Winnetou I“. | Quelle: Getty Images
Er arbeitete mit Regisseuren wie Billy Wilder, Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Helmut Dietl und Margarethe von Trotta. Kaum ein bedeutender Preis blieb ihm versagt.
Doch in dem Interview dominierte nicht der Stolz auf Titel und Auszeichnungen. Viel stärker rückten Erinnerungen in den Vordergrund, die ihn nicht losließen. Er sprach über die eher düstere Zeit in Deutschlands Geschichte, die er selbst miterlebte. Diese Erfahrungen, so machte er deutlich, prägten auch seinen späteren Blick auf Politik und Gesellschaft.

Mario Adorf Mit Tochter Stella Maria Beim 75. Geburtstag Von M. Adorf Mit Der Premiere Der Tournee "Da Capo, Mario!" Im Prinzregententheater In München | Quelle: Getty Images
Geschichtsvergessenheit und autoritäre Tendenzen beunruhigten ihn bis zuletzt. Auch in anderen Zusammenhängen hatte er wiederholt betont, dass die Demokratie bewahrt werden müsse.

Mario Adorf, 1969 | Quelle: Getty Images
Sein Privatleben
Bemerkenswert offen sprach Adorf auch über sein Privatleben. Über seine Frau Monique erzählte er, dass die Beziehung nach einem langen Hin und Her schließlich in eine dauerhafte Verbindung mündete. Jahrzehntelang begleitete sie ihn zu Dreharbeiten und blieb sein engster Bezugspunkt.
Als im Interview die Frage nach seinem Begräbnis gestellt wurde, fiel die Antwort entsprechend vielsagend aus:
„Der Friedhof in Saint-Tropez ist wunderschön. Direkt am Meer. In Mayen in der Eifel, wo ich aufwuchs, bin ich Ehrenbürger und würde sicher ein Ehrengrab bekommen. Das wäre aber für Monique unpraktisch. München und Paris gäbe es noch. Am Ende wird es wohl Monique entscheiden. Meine Mutter wünschte sich eine Seebestattung. Sie sagte: „Ich will weg sein.“ Das war eine harte, aber konsequente Haltung. Ich hätte sie lieber in einem Grab beerdigt.“

Schauspieler Mario Adorf in Interview zu seinem Film "Der letzte Mensch". | Quelle: Getty Images
Auch über seine Tochter Stella Maria Adorf, die aus seiner ersten Ehe stammt und in Berlin lebt, sprach er in ungewöhnlich ehrlicher Form. Weil sie nicht bei ihm aufgewachsen sei und sich ihre Eltern früh getrennt hätten, sagte er, er könne nicht behaupten, ein stark ausgeprägtes väterliches Gefühl entwickelt zu haben.
Gleichzeitig betonte er die Nähe, die trotzdem zwischen ihnen bestehe: „Aber wir mögen uns von ganzem Herzen und sind befreundet.“ Der Satz ist typisch für Adorfs Ton in diesem Gespräch: schnörkellos, unpathetisch und gerade dadurch berührend.

Stella Maria Adorf Beim 75. Geburtstag Von M. Adorf Mit Der Premiere Der Tournee "Da Capo, Mario!" Im Prinzregententheater In München | Quelle: Getty Images
Überhaupt wirkt dieses letzte Interview wie das Gespräch eines Mannes, der keine Legende aus sich machen will. Adorf sprach über wenige verbliebene Freunde, über das Gefühl, Freundschaften zu wenig gepflegt zu haben, über seine Arbeit in Deutschland und Italien und auch über die Rollen, die das Publikum besonders mit ihm verband.

Der Schauspieler Mario Adorf sitzt vor der Matinee der technisch überarbeiteten 4K-Fassung von „Winnetou I“ im Café des Arri-Kinos. | Quelle: Getty Images
Seine Antwort auf die Frage, welchen Titel ein Film über sein Leben tragen müsste, war ebenso trocken wie treffend: „Es hätte schlimmer kommen können.“ Vielleicht ist genau das die Quintessenz dieses letzten großen Gesprächs. Mario Adorf blickte nicht verklärt auf sein Leben zurück, sondern mit einer Haltung, in der Dankbarkeit und Realismus eng beieinanderlagen.
Er sprach über eine schwierige Kindheit, über die Abwesenheit des Vaters, über seine Tochter, seine Ehe, seine politische Sorge und über den Tod, ohne dabei jemals sentimental zu wirken.

Mario Adorf Und Tochter Stella Maria Adorf Beim 75. Geburtstag Von M. Adorf Mit Der Premiere Der Tournee "Da Capo, Mario!" Im Prinzregententheater In Münche | Quelle: Getty Images
Nach seinem Tod erscheint dieses Interview deshalb wie ein spätes Selbstporträt – eines Schauspielers, der bis zuletzt genau wusste, wer er war und wie er erinnert werden wollte: nicht als Denkmal, sondern als Mensch mit Geschichte.
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