
„Papa, geh nicht zum Oktoberfest": Familie des getöteten Security-Mannes (52) ringt um Antworten

Er wollte für seine Familie sorgen und freute sich auf den Job beim größten Volksfest der Welt. Doch kurz nach seinem ersten Einsatz auf dem Oktoberfest ist Aleksandar Spasic (52) tot. Seine Angehörigen hatten ihn noch gewarnt – und suchen nun verzweifelt nach einer Erklärung für das Unfassbare.
Es sollte ein guter Job sein, einer, mit dem er seiner Familie etwas bieten konnte. Aleksandar Spasic (52) arbeitete als Sicherheitsmann auf dem Münchner Oktoberfest, eingesetzt am Free-Fall-Tower „Hangover". Doch nur kurze Zeit nach Beginn seiner Tätigkeit auf der Wiesn ist der Familienvater tot. Am Montagabend kam er bei einem tragischen Unfall an genau jenem Fahrgeschäft ums Leben, das er eigentlich bewachen sollte.
Zurück bleiben eine Ehefrau, ein Sohn und viele quälende Fragen. Denn bis heute versteht die Familie nicht, wie es zu dem tödlichen Unglück kommen konnte – und warum sich Aleksandar überhaupt in dem gesperrten Gefahrenbereich des Towers aufhielt.

21 September 2026, Bayern, München: Polizeibeamte und Rettungskräfte sind am Unfallort im Einsatz. Auf dem Oktoberfestgelände in München ereignete sich ein Unfall an einem Fahrgeschäft. | Quelle: Getty Images
Die Warnung der Familie
Besonders bitter: Seine Angehörigen hatten offenbar ein ungutes Gefühl, was den Einsatz auf dem Volksfest anging. „Papa, geh nicht zum Oktoberfest, das ist ein schlimmer Ort zum Arbeiten", hatte die Familie ihm noch gesagt. Ihre Sorge galt vor allem der Gefahr durch alkoholisierte Gäste – sie fürchteten, Aleksandar könnte von Betrunkenen verletzt werden.
Dass am Ende nicht ein aggressiver Besucher, sondern ein Unglück am Fahrgeschäft selbst sein Leben kostete, macht den Verlust für die Hinterbliebenen umso schwerer zu begreifen. Ihre Warnung, so gut sie gemeint war, konnte das Schicksal nicht abwenden.
In der Zeitung „Bild" sprechen Sohn Lazar (26) und Ehefrau Adriana Borak (47) aus dem bayerischen Augsburg über ihren tragischen Verlust. Ihre Schilderungen zeichnen das Bild eines liebevollen Familienmenschen – und eines vorsichtigen Mannes, dessen Tod ihnen bis heute ein Rätsel ist.
Für Aleksandar Spasic war der Einsatz auf dem Oktoberfest eine willkommene Gelegenheit. Das größte Volksfest der Welt bietet über die Wochen Tausenden Menschen Arbeit – vom Bedienpersonal in den Zelten über die Fahrgeschäfte bis hin zu den Sicherheitskräften, die für einen geregelten Ablauf sorgen. Für viele ist es ein wichtiger Verdienst, für manche eine Chance, in kurzer Zeit etwas dazuzuverdienen. Auch Aleksandar wollte mit dem Job seine Familie unterstützen. Dass genau dieser Wunsch, für seine Liebsten zu sorgen, ihn an jenen Ort brachte, an dem er ums Leben kam, gehört zu den grausamen Wendungen dieser Geschichte.
Ein vorsichtiger Mann
Aleksandar Spasic, ein gebürtiger Serbe von zwei Metern Körpergröße, arbeitete nach Angaben seiner Familie seit rund drei Monaten bei der Sicherheitsfirma. Frau und Sohn beschreiben ihn übereinstimmend als umsichtigen, vorsichtigen Menschen – jemanden, der Risiken bewusst mied.
Gerade deshalb ist die Familie so fassungslos darüber, dass er sich in dem verbotenen Bereich des „Hangover" aufhielt. „Eigentlich darf dort niemand hin, weil es verboten ist. Aber vielleicht hat jemand seine Brille oder sein Handy verloren und er wollte es aufheben", vermutet Sohn Lazar. Es ist der Versuch, das Unerklärliche zu erklären – eine mögliche, menschlich nachvollziehbare Erklärung für einen folgenschweren Moment. Nach Angaben des Sohnes handelte es sich um die letzte Fahrt des Abends, nur etwa zehn Minuten vor dem Ende des Betriebs.
Dass ausgerechnet Aleksandar ein solches Risiko eingegangen sein soll, passt für die Familie nicht ins Bild. Denn erst kurz zuvor hatte er in einer ähnlichen Situation genau das Gegenteil getan. „Einen Tag zuvor war er bei einem anderen Fahrgeschäft und ein Gast hatte etwas verloren. Mein Vater sollte es für ihn aufheben. Er sagte aber nein, weil es zu gefährlich ist", berichtet Lazar. Warum sein Vater am Montagabend anders handelte, ist die Frage, die die Angehörigen nicht loslässt.
Der Bereich, in dem sich ein Free-Fall-Turm bewegt, gehört zu den sensibelsten Zonen eines jeden Fahrgeschäfts. Dort, wo die Sitzeinheiten mit hoher Geschwindigkeit herabsausen und erst knapp über dem Boden abgebremst werden, herrscht während des Betriebs absolutes Betretungsverbot. Schon ein kurzer, unbedachter Moment kann in diesem Umfeld fatale Folgen haben. Genau deshalb ist es für Fachleute wie für Angehörige so schwer nachvollziehbar, dass sich ein erfahrener, als vorsichtig beschriebener Sicherheitsmann bei laufendem Betrieb dort aufhielt.
Der tödliche Moment
Der Unfall selbst ereignete sich am späten Montagabend, gegen 21.45 Uhr. Nach Darstellung der Familie wurde Aleksandar Spasic von der herabrauschenden Sitzschale des Towers getroffen, deren Sitze erst knapp über dem Boden abbremsen. Der Aufprall war so heftig, dass der große, kräftige Mann schwerste Verletzungen erlitt und zu Boden sackte.
Rettung war sofort zur Stelle. „Schnell eintreffende Polizisten und Retter begannen sofort mit der Reanimation", bestätigte Polizeisprecher Thomas Schelshorn. Aleksandar Spasic wurde anschließend ins Klinikum rechts der Isar gebracht. Doch die Verletzungen waren zu schwer.
Für seinen Sohn Lazar folgten Stunden bangen Wartens im Krankenhaus – und dann die Gewissheit, die er schon geahnt hatte. „Ich habe am Gesicht der Oberärztin gemerkt, dass etwas Schlimmes passiert ist", erinnert er sich. Auch einige Kollegen seines Vaters waren in der Klinik. „Dann sagte die Ärztin, dass alles probiert wurde, er es aber nicht geschafft hat." Ein Satz, der das Leben der Familie für immer veränderte.
Ein Fahrgeschäft im Fokus der Ermittlungen
Nach dem Unglück wurde der „Hangover"-Tower zunächst geschlossen. Am Dienstag rückte der TÜV an, um die Attraktion gründlich zu überprüfen. Nach Angaben der Schausteller lag am Fahrgeschäft selbst kein Defekt vor. Am Dienstagabend wurde der Tower schließlich wieder für den Betrieb freigegeben.
Die Kriminalpolizei ermittelt unterdessen weiter zu den genauen Umständen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass sich der Mitarbeiter im Gefahrenbereich aufhielt, und ob menschliches Versagen oder andere Faktoren eine Rolle spielten. Die Betreiberfamilie hatte sich zuvor bestürzt gezeigt und angekündigt, eng mit den Behörden zusammenzuarbeiten, um den Vorfall lückenlos aufzuklären.

22 September 2026, Bayern, München: Der Freifallturm „Hangover" auf dem Oktoberfest. | Quelle: Getty Images
Für die Angehörigen sind diese Ermittlungen mehr als eine Formsache. Sie hoffen auf Antworten, die ihnen helfen könnten, das Geschehene wenigstens ansatzweise zu begreifen. Denn ohne Erklärung bleibt neben der Trauer vor allem eines: Ungewissheit.
Dass der „Hangover" bereits am Abend nach dem Unglück wieder öffnete, dürfte für die Familie schwer auszuhalten sein. In der Schaustellerbranche gilt oft der Grundsatz, dass der Betrieb weitergeht – auch aus wirtschaftlichen Gründen und weil ein geschlossenes Fahrgeschäft mitten auf der Wiesn schnell Fragen aufwirft. Für Hinterbliebene aber kann es zutiefst schmerzhaft sein, wenn an dem Ort, an dem ein geliebter Mensch gestorben ist, wenige Stunden später wieder Jubel und Musik ertönen. Zwischen dem Weiterlaufen des größten Volksfests der Welt und der privaten Trauer einer Familie liegt in diesen Tagen nur ein schmaler Grat.

22 September 2026, Bayern, München: Der Freifallturm „Hangover" auf dem Oktoberfest. Nach dem tödlichen Unfall mit einem Fahrgeschäft-Mitarbeiter auf dem Münchner Oktoberfest dauern die Ermittlungen zur Unfallursache an. | Quelle: Getty Images
Erinnerungen an einen liebevollen Ehemann
Wie sehr Aleksandar Spasic seine Familie liebte, zeigt sich in kleinen, berührenden Details. So brachte er seiner Frau Adriana ein Lebkuchenherz vom Oktoberfest mit – mit der Aufschrift „Perfect Match", zu Deutsch „perfektes Paar". Ein liebevoller Gruß von jenem Ort, der wenig später zum Schauplatz der Tragödie werden sollte.
Heute hält Adriana dieses Herz in den Händen wie ein kostbares Andenken. 28 Jahre lang war sie mit Aleksandar verheiratet, ein halbes Leben also, das die beiden miteinander verbracht haben. Der Verlust reißt eine Lücke, die sich mit Worten kaum beschreiben lässt.
Fast drei Jahrzehnte gemeinsamer Weg – gemeinsame Erinnerungen, ein aufgebautes Leben, ein Sohn, der heute erwachsen ist. All das steht nun im Schatten eines einzigen, unbegreiflichen Augenblicks. Für Adriana und Lazar beginnt jetzt die schwere Zeit des Abschieds, in der sie nicht nur um den Ehemann und Vater trauern, sondern zugleich mit der Frage leben müssen, ob dieser Tod hätte verhindert werden können.
Der Fall führt auf schmerzliche Weise vor Augen, wie viele Menschen im Hintergrund dafür sorgen, dass Millionen Besucher unbeschwert feiern können – und welchen Preis eine Familie zahlen kann, wenn ein solcher Arbeitstag in einer Katastrophe endet. Aus einem Job, der Sicherheit für die Familie bringen sollte, wurde das größte Unglück ihres Lebens.

22 September 2026, Bayern, München: Der Freifallturm „Hangover" auf dem Oktoberfest. Nach dem tödlichen Unfall mit einem Fahrgeschäft-Mitarbeiter auf dem Münchner Oktoberfest dauern die Ermittlungen zur Unfallursache an. | Quelle: Getty Images
Das letzte Gespräch
Am schwersten aber wiegt für Adriana wohl die Erinnerung an den letzten Kontakt mit ihrem Mann. Nur 75 Minuten vor dem tödlichen Unfall hatte sie noch mit ihm gesprochen – ohne zu ahnen, dass es das letzte Mal sein würde.
Und dieses letzte Gespräch macht die Tragödie noch bitterer. Denn die beiden schmiedeten dabei Pläne für einen schönen gemeinsamen Tag. „Wir hatten ausgemacht, dass wir am Dienstag mit der Familie auf das Oktoberfest gehen wollen", erzählt Adriana. Ausgerechnet jener Ort, an dem Aleksandar Spasic sein Leben verlor, sollte am nächsten Tag zur Kulisse eines fröhlichen Familienausflugs werden.
Statt gemeinsam über die Theresienwiese zu schlendern, muss die Familie nun Abschied nehmen. Der geplante Ausflug wird für immer ein unerfüllter Wunsch bleiben – das grausame Sinnbild eines Lebens, das viel zu früh und viel zu plötzlich endete. Zurück bleibt eine Frau mit einem Lebkuchenherz in der Hand, auf dem steht, was Aleksandar und Adriana über all die Jahre waren: ein „Perfect Match".
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