
„Ich muss mich der Tatsache stellen": Joachim Meyerhoff bricht Proben ab

Eigentlich sollte er als „König Ubu" ans Wiener Burgtheater zurückkehren. Doch daraus wird nichts: Joachim Meyerhoff hat die Proben abgebrochen. Der Schauspieler und Bestsellerautor nennt gesundheitliche Gründe – und wer seine Geschichte kennt, ahnt am Ende, wie viel Gewicht in diesen Worten steckt.
Es ist eine Nachricht, die viele Theater- und Literaturfans mit Sorge aufnehmen dürften: Joachim Meyerhoff wird nicht als König Ubu auf der Bühne des Wiener Burgtheaters stehen. Der 59-Jährige hat die Proben für die gleichnamige Inszenierung von Stefan Bachmann abgebrochen. Als Grund nennt der Schauspieler seine Gesundheit.
Für einen Künstler, der über Jahrzehnte für seine körperliche Präsenz und seine kraftvollen Auftritte bekannt war, ist das ein bemerkenswerter Schritt. Meyerhoff hat sich die Entscheidung offensichtlich nicht leicht gemacht – das lassen seine Worte erahnen, mit denen er sich an die Öffentlichkeit wandte.
„Nicht so arbeiten, wie ich es für mich brauche"
In einer Mitteilung des Burgtheaters äußert sich der Schauspieler persönlich zu seinem Rückzug. „Leider musste ich aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit an König Ubu abbrechen", erklärt Meyerhoff. Und er wird noch konkreter: „Ich muss mich der Tatsache stellen, momentan nicht so arbeiten zu können, wie ich es für mich brauche und wie es eine solch vehemente Rolle erfordert."
Es sind Sätze, die tief blicken lassen. Meyerhoff spricht nicht von einer kurzfristigen Unpässlichkeit, sondern von der Einsicht, sich selbst gerade nicht alles abverlangen zu können. Gerade die Titelrolle in „König Ubu" – ein wüster, überbordender Kraftakt von einer Figur – hätte ihm alles abverlangt. Dass er diese Herausforderung nicht annehmen kann, muss ihm schwergefallen sein. Zwischen den Zeilen klingt weniger Resignation an als vielmehr eine bewusste, fast disziplinierte Entscheidung, auf den eigenen Körper zu hören.
Die Premiere findet trotzdem statt
Trotz des Ausstiegs soll die Aufführung wie geplant über die Bühne gehen. Die Premiere von „König Ubu" ist weiterhin für den 16. Oktober angesetzt. Auch für einen Ersatz ist bereits gesorgt – und der ist durchaus prominent besetzt: Stefanie Reinsperger übernimmt die Rolle des Vater Ubu.
Reinsperger, die zuletzt als „Tatort"-Kommissarin in Dortmund zu sehen war und diese Rolle gerade erst abgegeben hat, ist am Burgtheater keine Unbekannte. Die österreichische Schauspielerin bringt genau jene Bühnenwucht mit, die eine solche Rolle verlangt. Für das Ensemble und das Publikum ist das ein Trost in einer ansonsten betrüblichen Situation – auch wenn viele Zuschauer sich sicher darauf gefreut hatten, Meyerhoff in dieser Paraderolle zu erleben.
Dass die Rolle des Vater Ubu als „vehement" gilt, kommt nicht von ungefähr. „König Ubu" des französischen Autors Alfred Jarry ist ein grotesk-überdrehter Klassiker der Theatergeschichte, eine wilde Groteske über Machtgier, Maßlosigkeit und Tyrannei. Die Titelfigur ist ein cholerischer, hemmungsloser Kraftprotz – eine Rolle, die schauspielerisch enorme Energie, Körpereinsatz und Präsenz verlangt. Wer sie spielt, muss über den ganzen Abend hinweg an die eigenen Grenzen gehen. Vor diesem Hintergrund gewinnen Meyerhoffs Worte, er könne einer „solch vehementen Rolle" derzeit nicht gerecht werden, zusätzliche Bedeutung.
Eine besondere Bühne für Joachim Meyerhoff
Dass ausgerechnet dieses Projekt platzt, hat für Meyerhoff eine zusätzliche Note. Denn das Wiener Burgtheater ist für ihn keine beliebige Spielstätte, sondern eine künstlerische Heimat. Von 2005 bis 2019 gehörte er dort zum festen Ensemble und prägte in diesen fast anderthalb Jahrzehnten das Wiener Theaterleben entscheidend mit. Er gehörte zu den Publikumslieblingen des Hauses, füllte die Säle und wurde für seine intensiven, oft körperlich fordernden Darstellungen gefeiert.
Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Ensemble blieb er dem Haus verbunden und kehrte immer wieder für Gastauftritte zurück. Die Rückkehr als König Ubu wäre in gewisser Weise ein Heimspiel gewesen – umso bitterer, dass er nun genau hier kürzertreten muss.
Vom Bühnenstar zum Bestsellerautor
Joachim Meyerhoff ist einem breiten Publikum längst nicht mehr nur als Schauspieler ein Begriff. Mit seinen autobiografisch geprägten Romanen hat er sich einen festen Platz in der deutschsprachigen Literatur erschrieben. Seine Reihe „Alle Toten fliegen hoch" mit Titeln wie „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" oder „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" wurde millionenfach verkauft und von Kritik wie Leserschaft gefeiert.
Sein Erfolg reicht dabei bis in die Gegenwart: Die Verfilmung von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" mit Senta Berger wurde in diesem Jahr zu einem Kinohit. Meyerhoff versteht es wie kaum ein anderer, das eigene Leben – mit all seinen Brüchen, Tragödien und komischen Momenten – in Literatur zu verwandeln. Diese Gabe, aus dem Persönlichen Kunst zu machen, sollte gerade in schweren Zeiten noch eine besondere Bedeutung bekommen.
Auch als Fernsehschauspieler ist Meyerhoff präsent, etwa in hochgelobten Produktionen wie „Babylon Berlin". Sein künstlerisches Werk ist also breit gefächert – Bühne, Buch und Bildschirm. Umso mehr fällt auf, wenn ein Mann mit dieser Schaffenskraft öffentlich sagt: Im Moment geht es nicht.
Bemerkenswert ist, wie konsequent Meyerhoff dabei stets aus dem eigenen Leben schöpft. In seiner autobiografischen Reihe verarbeitet er seine ungewöhnliche Kindheit – er wuchs als Sohn eines Psychiaters auf dem Gelände einer Klinik in Schleswig-Holstein auf – ebenso wie schwere persönliche Verluste. Schon früh musste er den Unfalltod eines Bruders verkraften, ein Schicksalsschlag, der seine Familiengeschichte bis heute prägt. Immer wieder gelingt es ihm, aus Schmerz und Trauer literarische Kraft zu ziehen, ohne dabei ins Larmoyante zu kippen. Gerade diese Fähigkeit, das Leben in all seinen Härten anzunehmen und in Worte zu fassen, macht ihn für viele Menschen zu einer besonderen künstlerischen Stimme.
Wenn die Gesundheit Grenzen setzt
Und genau das ist der Punkt, an dem Meyerhoffs aktuelle Worte eine tiefere Dimension bekommen. Denn wenn ein so erfahrener, disziplinierter Bühnenmensch eine Hauptrolle an seinem Stammhaus abgibt und dabei betont, momentan nicht so arbeiten zu können, wie er es brauche, dann steckt dahinter mehr als eine gewöhnliche Erkältung oder eine kurze Auszeit.
Zu den genauen Hintergründen seines aktuellen Gesundheitszustands hat sich Meyerhoff nicht im Detail geäußert – und das ist sein gutes Recht. Doch ein Blick in seine Vergangenheit macht deutlich, warum das Thema Gesundheit bei ihm so schwer wiegt und warum er die eigene Belastbarkeit inzwischen so ernst nimmt.
Der Einschnitt, der alles veränderte
Denn es ist nicht das erste Mal, dass die Gesundheit dem Schauspieler Grenzen setzt. Vor einigen Jahren, im Alter von 51 Jahren, erlitt Joachim Meyerhoff in Wien einen Schlaganfall – verbunden mit einer zeitweiligen Lähmung. Für einen Mann, dessen Beruf auf Körper, Stimme und Präsenz beruht, war das ein tiefer Einschnitt. Er musste pausieren, kürzertreten und lernen, das Tempo aus seinem bis dahin rasanten Leben zu nehmen.
Meyerhoff, der auf der Bühne stets das Extrem gesucht hatte, war plötzlich mit seiner eigenen Verletzlichkeit konfrontiert. Diese Erfahrung hat er später auf seine ganz eigene Weise verarbeitet: in dem autobiografischen Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet", der 2020 erschien. Darin schildert er die Zeit rund um den Schlaganfall und die mühsame Rückkehr ins Leben.
Das Buch war für ihn mehr als nur ein literarisches Projekt – es wurde, wie er selbst einmal beschrieb, zu einer Art Selbstbehauptungsstrategie. Wo er zuvor in seinen Werken auf die Vergangenheit zurückgeblickt hatte, schrieb er nun erstmals über seine unmittelbare Gegenwart. Das Erzählen von Geschichten half ihm, sich in einer existenziell bedrohlichen Situation über Wasser zu halten. Er wollte das einschneidende Ereignis annehmen, ohne ihm die Macht über sein Leben zu überlassen – eine Haltung, die auch heute durch seine Worte schimmert.
Meyerhoff hat später erzählt, wie er in jener Zeit im Krankenbett gegen das Einschlafen ankämpfte und sich selbst Geschichten erzählte, um wach und bei sich zu bleiben. Er habe seinem Kopf bewusst Aufgaben stellen wollen – gerade jenem Bereich, der von der Erkrankung betroffen war. Sogar den ungewöhnlichen Titel „Hamster im hinteren Stromgebiet" verdankt das Buch dieser Phase: Auf dem nächtlichen Klinikgelände in Wien entdeckte er einmal eine kleine Kolonie Hamster, und von einer Ärztin lernte er, dass ein Areal im Gehirn „hinteres Stromgebiet" heißt. Aus dieser Begegnung formte er einen Titel, der Schwere und leisen Humor zugleich trägt – typisch Meyerhoff.
Wer diese Vorgeschichte kennt, versteht seine aktuellen Sätze mit anderen Augen. Wenn Joachim Meyerhoff sagt, er müsse sich der Tatsache stellen, gerade nicht so arbeiten zu können, wie er es brauche, dann ist das die Haltung eines Menschen, der bereits einmal erfahren hat, wie schnell der Körper zur Grenze werden kann – und der daraus die Konsequenz gezogen hat, gut auf sich zu achten. Sein Rückzug von „König Ubu" ist damit kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge, die er sich hart erarbeiten musste.
Ein Rückzug auf Zeit
So schmerzhaft der Abschied von der Rolle für Meyerhoff und seine Fans sein mag – vieles spricht dafür, ihn als bewusste Entscheidung für die eigene Gesundheit zu verstehen. Der Schauspieler hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er selbst aus schweren Rückschlägen zurückfindet, oft gestärkt und mit neuen Geschichten im Gepäck.
Ob und wann er wieder in einer großen Bühnenrolle zu sehen sein wird, ist offen. Für den Moment aber zählt vor allem eines: dass er sich die Zeit nimmt, die er braucht. Seine Fans dürften ihm diese Auszeit von Herzen gönnen – in der Hoffnung, ihn bald wieder gesund auf der Bühne, im Kino oder mit einem neuen Buch zu erleben.
Aus der Kultur- und Theaterwelt dürften Meyerhoff in diesen Tagen viele gute Wünsche erreichen. Ein Künstler seines Formats hinterlässt eine Lücke, wenn er pausiert – doch niemand wird ihm die Entscheidung verübeln, die eigene Gesundheit an die erste Stelle zu setzen. Am Burgtheater und bei seinem Publikum bleibt vor allem die Hoffnung, dass es sich um einen Abschied auf Zeit handelt und Joachim Meyerhoff zurückkehrt, wenn er wieder so arbeiten kann, wie er es sich selbst wünscht.
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