
„Es ist eine tröstliche Vorstellung“: Reinhard Mey möchte neben seinem Sohn begraben werden – seine herzzerreißende Tragödie
Der Liedmacher Reinhard Mey ist inzwischen 83 Jahre alt, macht weiterhin Musik und hat 2026 sein mittlerweile 30. Album veröffentlicht. Doch mit zunehmendem Alter beschäftigt ihn auch die Frage, was nach dem Leben kommt. Dabei spricht Mey offen über seine Zweifel, Gedanken an seinen Tod und eine Vorstellung, die ihm trotz aller Unsicherheit Trost gibt.
Reinhard Mey ist seit Jahrzehnten eine feste Größe der deutschen Musik. Seine Lieder begleiten mehrere Generationen, seine Texte handeln häufig von persönlichen Erlebnissen, Erinnerungen und den großen Fragen des Lebens. Auch auf seinem neuen Album „Schatzhauser“ finden sich emotionale Themen. 2026 veröffentlichte Mey damit sein 30. Album.

Reinhard Mey beim Echo 2013 im Palais am Funkturm am 21. März 2013 in Berlin | Quelle: Getty Images
Dass er sich darin mit Fragen beschäftigt, die mit dem Älterwerden verbunden sind, bedeutet für ihn allerdings nicht, dass er sich verabschieden möchte. Im Gegenteil: Mey macht deutlich, dass er weiterhin mitten im Leben steht. „Ich mache weiter, ich lebe“, sagt der 83-Jährige während eines Interviews. Er beschreibt seinen aktuellen körperlichen Zustand ebenfalls positiv. Laut eigener Aussage habe er einen guten Blutdruck, laufe acht Kilometer und könne weiterhin gut sehen und hören. Sein Blick auf das eigene Leben ist damit keineswegs ausschließlich von Gedanken an das Ende geprägt. Trotzdem beschäftigt ihn die eigene Sterblichkeit zunehmend.
Ein Album zwischen Leben und Abschied?
Auch sein neues Album könnte auf den ersten Blick wie eine Art musikalischer Abschied wirken. Mey selbst möchte es jedoch nicht so verstanden wissen. In einem Interview erklärte er, das Album sei kein Abschied, auch wenn es teilweise so klinge. „Ich wollte es nur schon mal gesagt haben, für den Fall, dass der Abschied kommt, dass nichts mehr übrig ist und nichts ungesagt ist“, erklärte Mey.
Der Gedanke, irgendwann nicht mehr da zu sein, gehört für ihn inzwischen stärker zum Leben. Mit 83 Jahren setzt er sich auch mit der Frage auseinander, was nach dem Tod kommen könnte. Eine eindeutige Antwort darauf habe er nicht. Reinhard Mey beschreibt sich selbst als „bekennenden Agnostiker“. Was nach dem Tod kommt, weiß er nach eigener Aussage nicht. Damit verbindet er keine feste Vorstellung von einem Leben nach dem Tod. Trotzdem gibt es Gedanken, die ihm Halt geben können.

Reinhard Mey bei einem Auftritt in Köln | Quelle: Getty Images
Im Gespräch mit der FAZ beschreibt er eine Vorstellung, die ihn trotz seiner Zweifel tröstet. Dabei denkt er an Menschen, die bereits vor ihm gegangen sind. „Ich sehe meine Eltern wieder, ich sehe meinen Sohn wieder“, sagt Mey. Er selbst bezeichnet solche Gedanken als „kindliche Vorstellungen“. Gleichzeitig bedeuten sie ihm etwas. Auch wenn er nicht wissen könne, was nach dem Tod tatsächlich komme, könnten solche Bilder Wärme und Trost schenken. Gerade diese Verbindung von Zweifel und Trost scheint für Mey wichtig zu sein.
Manche Ängste sind geblieben
Mit dem Alter verschwindet nach Meys Empfinden auch eine bestimmte Angst nicht. Im Gegenteil: Eine Angst aus seiner Kindheit begleitet ihn bis heute. Es geht um die Dunkelheit und die Nacht. „Die kindliche Angst vor der Dunkelheit, die kindliche Angst vor der Nacht, die verlässt einen auch im neunten Lebensjahrzehnt nicht. Es wird sogar etwas stärker“, sagte der Liedermacher. Mit 83 Jahren blickt er damit anders auf diese Ängste als früher. Sie gehören für ihn offenbar weiterhin zum menschlichen Erleben.
Gleichzeitig hat er sich bereits Gedanken darüber gemacht, wie seine eigene letzte Ruhe aussehen soll. Für seine eigene Beisetzung hat Reinhard Mey eine konkrete Vorstellung. Er möchte dort beigesetzt werden, wo bereits ein geliebter Mensch liegt. Dort soll auch Platz für weitere Mitglieder seiner Familie sein. „Unter einem Baum, wo schon mein Sohn liegt. Da ist noch Platz für den Rest der Familie. Es ist eine tröstliche Vorstellung“, sagt Mey.

Reinhard Mey in der NDR-Talkshow „3 nach 9“ am 18. Juni 2004 | Quelle: Getty Images
Der Gedanke an diesen Ort scheint ihm Sicherheit zu geben. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass von einem Menschen nach dem Tod letztlich nur Asche zurückbleibt. Trotzdem hält er an der Vorstellung fest. „Man braucht solche Sachen, um sich daran festzuhalten. Und es kann nicht schaden.“ Hinter diesen Worten steht eine persönliche Geschichte, die Reinhard Mey seit vielen Jahren begleitet.
Sein Sohn Maximilian wurde nur 32 Jahre alt
Reinhard Mey hat seinen Sohn Maximilian verloren. Maximilian kam 1982 zur Welt und starb im Mai 2014 im Alter von nur 32 Jahren. Sein Tod liegt inzwischen mehr als zwölf Jahre zurück. Doch die Erinnerung an ihn ist für seinen Vater weiterhin präsent. Besonders deutlich wird das, wenn Mey heute über seinen eigenen Tod spricht. Der Gedanke, seinen Sohn wiederzusehen, gehört zu jener Vorstellung, die ihm trotz seiner agnostischen Haltung Wärme geben kann.

Auf diesem Foto aus dem Jahr 1982 nimmt Reinhard Mey seine Frau Hella und seine Söhne Frederik (links) und Max (rechts) liebevoll in den Arm | Quelle: Getty Images
Die Geschichte von Maximilian war dabei bereits Jahre vor seinem Tod von einer schweren Erkrankung geprägt. 2009 veränderte sich das Leben der Familie grundlegend. Maximilian war nach einer verschleppten Lungenentzündung schwer erkrankt. Es kam zu einem Herz- und Atemstillstand. In der Folge fiel der damals 27-Jährige ins Wachkoma. Für Reinhard Mey und seine Familie begann damit eine jahrelange Zeit der Ungewissheit.
Maximilian kehrte nach diesem schweren Ereignis nicht mehr in sein früheres Leben zurück. Fünf Jahre später starb er. Im Mai 2014 war er 32 Jahre alt. Der Verlust hinterließ tiefe Spuren bei seinem Vater. Mehr als zwölf Jahre nach Maximilians Tod spricht Reinhard Mey nun erneut darüber, was dieser Verlust für ihn bedeutet und wie er selbst mit dem Gedanken an den eigenen Tod umgeht.
„Auch mit abgrundtiefem Schmerz“
Im Rückblick auf sein Leben findet Mey nicht nur Worte für die schönen Seiten. Im Gespräch mit der FAZ sagt er, das Leben habe ihn beschenkt, „auch mit abgrundtiefem Schmerz“. Der Tod seines Sohnes gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen seines Lebens. Gleichzeitig spricht Mey nicht nur über Trauer. Seine Worte zeigen auch, wie er versucht, mit dem Verlust umzugehen. Die Vorstellung, seine Eltern und seinen Sohn irgendwann wiederzusehen, bezeichnet er zwar selbst als kindlich. Dennoch kann sie ihm Trost geben.
Vielleicht ist genau deshalb auch die Frage nach seiner eigenen letzten Ruhestätte für ihn nicht nur eine organisatorische Angelegenheit. Der Platz unter einem Baum, an dem bereits sein Sohn liegt, verbindet für Mey die eigene Zukunft mit der Erinnerung an Maximilian.
Trotz aller Gedanken an den Tod will Reinhard Mey nicht den Eindruck erwecken, dass er sich aus dem Leben zurückzieht. Sein Satz „Ich mache weiter, ich lebe“ steht dafür ebenso wie seine Beschreibung seines Alltags. Er läuft weiterhin acht Kilometer, spricht von seinem guten Blutdruck und davon, dass er noch gut sehen und hören könne.

Reinhard Mey bei einer Talk-Show im Jahr 2013 | Quelle: Getty Images
Auch sein neues Album „Schatzhauser“ versteht er nicht als Abschied. Vielmehr wollte er Dinge aussprechen, solange er sie noch aussprechen kann. Der Gedanke an den Tod steht dabei neben dem Gedanken an das Leben. Und über allem steht die Erinnerung an seinen Sohn. Maximilian starb vor mehr als zwölf Jahren, doch sein Platz in Reinhard Meys Leben ist geblieben.
Vielleicht ist es deshalb für den Liedermacher eine „tröstliche Vorstellung“, irgendwann unter einem Baum zu liegen, an dem bereits sein Sohn liegt. Nicht weil er sicher wüsste, was nach dem Tod kommt. Sondern weil die Vorstellung selbst ihm etwas gibt, woran er sich festhalten kann. Und bis dahin gilt für Reinhard Mey offenbar vor allem eines: Er macht weiter. Er lebt.
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